Wie Schwedens Kapitän Granqvist das Team repariert hat

Der Anti-Zlatan

Andreas Granqvist ist Schwedens Schlüsselspieler: Er hält Abwehr und Team-Gefüge zusammen. Damit ist er das komplette Gegenteil von Herrn Ibrahimovic.

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Er nervt einfach. Immer und immer wieder. Zuletzt fabulierte Zlatan Ibrahimovic (36) in einer WM-Talkshow darüber, was aus ihm geworden wäre, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte: »Dann sähe ich mich als eine Art Putin. Wir hätten einfach den schwedischen König abgesetzt und ich wäre in diese neue Rolle geschlüpft, quasi als schwedische Version von Putin.« Ein Autokrat, der es mit Menschenrechten nicht so genau nimmt. Wie passend.

Spötter meinen: Den Putin habe »Ibra« (116 Spiele für Schweden, 62 Treffer) während seiner Zeit im Nationalteam fast täglich gespielt. Eisenhartes Regiment, keine Gnade gegen Kritiker und regelmäßige Anflüge von Größenwahn. Noch vor einigen Wochen behauptete Ibrahimovic allen Ernstes: »Ich allein bestimme, wer in Schweden Nationaltrainer wird.« Seine Landsleute haben diese Großkotzigkeit satt – schon lange. Alle Umfragen seit Zlatans Nationalmannschafts-Rücktritt nach der EM 2016 belegen: Die Schweden sind heilfroh, dass Ibrahimovic nicht mehr fürs Nationalteam spielt. Mindestens ebenso happy sind sie, dass stattdessen ein gewisser Andreas Granqvist die Kapitänsbinde übernommen hat.

Unspektakulär, aber souverän

Andreas … wer? Der Innenverteidiger, der nach der WM von FK Krasnodar zum schwedischen Zweitligisten Helsingborgs IF wechselt, ist der komplette Anti-Zlatan: uneigennützig und arbeitsam, unauffällig und bescheiden, unproblematisch und kompromissbereit. Ein totaler Teamplayer eben. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Granqvist und Ibrahimovic: Beide sind Spieler, die ein Match quasi allein entscheiden können. Als die Schweden im ersten Gruppenspiel gegen Südkorea nach gut einer Stunde und zähem Abnutzungskampf einen Elfer bekamen, war der Kapitän zur Stelle: Granqvist lief an und verwandelte. Unspektakulär, aber souverän. Unten rechts.

Schwedens erstes und bislang einziges Turniertor wäre so gar nicht möglich gewesen, hätte nicht derselbe Andreas Granqvist den Relegations-Thriller gegen Italien (1:0 daheim, 0:0 auswärts) maßgeblich mitentschieden. Jakob Johanssons abgefälschter Weitschuss hatte den Skandinaviern ein glückliches Tor in einer ansonsten 180-minütigen Abwehrschlacht beschert. Granqvist rettete in deren Verlauf gleich zwei Mal auf der Torlinie und erklärte anschließend: »Ich hatte Glück, dass ich angeschossen wurde, Gratulation an die Mannschaft, die sich das WM-Ticket redlich verdient hat.« Schweden lieben dieses Understatement.

Eine besondere Auszeichnung für die »Tanne«

Nach dem WM-Auftaktsieg über die Südkoreaner kürte die Boulevard-Zeitung »Aftonbladet« Granqvist sogar zum »neuen Landesvater«. Das ist natürlich Blödsinn –  einerseits. Andererseits dokumentiert es, wie sehr der 1,93-Meter-Mann den schwedischen Fußball seit dem Nationalmannschafts-Rücktritt von Ibrahimovic geprägt hat.

Bereits im Winter hatte Granqvist, den gute Freunde »Gran« (Tanne) rufen, eine besondere Auszeichnung erhalten: Er darf sich Schwedens »Fußballer des Jahres« nennen. Der letzte Defensiv-Akteur, der diesen Titel trug, war übrigens ein gewisser Olof Mellberg. Das war im Jahr 2003. In der Zwischenzeit siegten einmal Henrik Larsson (2004), einmal Fredrik Ljungberg (2006) sowie, na klar, elfmal Zlatan Ibrahimovic.