Wie schlecht ist der Fifa-Film wirklich?

Dauerwerbesendung

Der Film »United Passions« kostete weit über 20 Millionen Euro – bislang spielte er nicht mal 1000 Euro ein. Ist er wirklich so grausam?

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Es gibt ein paar Szenen, bei denen muss man den Film kurz anhalten. Man kann dann durchatmen oder lachen – oder man spult ein wenig zurück, damit sich die Bilder und Dialoge noch einmal in ihrer vollen Pracht entfalten können. Sie wirken in diesen Tagen beinahe surreal.
 
Schon zu Beginn des Films gibt es so eine Stelle. Da sinnieren zwei Fifa-Pioniere in einer Gaststätte über die Gründung eines Fußballweltverbandes, es herrscht Aufbruchstimmung. Die beiden Männer sitzen an einem Tisch wie zwei Jugendliche, die davon träumen eine Band zu gründen, Groupies zu haben und die Welt zu retten. Bis schließlich der eine zum anderen sagt: »Als Fifa-Präsident hast du doch nichts, keine Macht, kein Ruhm und kein Geld.«

»Er ist gut darin, Geld aufzutreiben«
 
Oder später, etwa nach einer Stunde, als der damalige Verbandspräsident João Havelange im Fifa-Büro umherwütet, weil die Fifa kurz vor der Pleite steht. Beim Verlassen des Raumes stellt Havelange, beinahe beiläufig, seinen neuen Direktor für Entwicklungsprogramme vor: »Das ist Mr. Sepp Blatter. Er ist gut darin, Geld aufzutreiben.« Man weiß: Dieser nahezu unscheinbare neue Fifa-Mitarbeiter ist der eigentliche Held dieses Films. Er ist dieser Mann, der es schafft, die Welt zu retten.
 
Und dann sind natürlich auch all jene  Szenen unfreiwillig komisch, in denen es um Bestechungen oder Manipulationen geht. Blatter wird dabei zum unermüdlichen Kämpfer des sauberen Sports stilisiert. Auf seiner ersten Sitzung als neugewählter Präsident poltert er: »Wir haben über 200 Verbände. Ist hier jemand naiv genug zu glauben, dass alle ehrlich sind?« Und: »Ich werde den kleinsten Verstoß gegen die Ethikregeln schwer bestrafen. Ich warne euch!« Ein anwesender Funktionär findet diesen Ausbruch gar nicht gut. Er sagt: »Havelange hätte nie unsere Integrität angezweifelt.« Blatter entgegnet: »Er ist nicht mehr Präsident! Ab sofort wird hier nach meinen Regeln gespielt!«
 
Dazu: Klavier-Musik, langsame Kamerafahrten, Blicke zwischen Nebel und Rauch, weichgezeichnete, in Braun- und Beige getünchte Bilder. Die Themen: Krieg, Frieden, Politik, Rassismus, Diskriminierung, Religion. Es gibt nichts, so erfährt man in »United Passions«, was die Fifa in ihrer über 100-jährigen Geschichte nicht geregelt hätte. In einem ewigen Kampf gegen Obrigkeiten, Besserwisser, Saboteure, die Lügenpresse – in einem Feldzug, an dessen Ende der glorreiche Sieg des Guten steht.

»Heal the world, make it a better place«
 
»United Passions« wirkt in seinen skurrilsten Momenten, als hätten ein paar alte Männer die Filmbänder von »Titanic«, »Pearl Harbour« und das Komplettwerk von Richard Gere gegessen und danach über die Kinoleinwand gekotzt, während Michael Jackson »Heal the world, make it a better place« singt und Sepp Blatter auf einem Schimmel in den Sonnenuntergang reitet. Kurzum: Es klingt nach einem riesengroßen Spaß.
 
Liest man sich nämlich die Berichte zu »United Passions« durch, klingt es beinahe, als habe jemand einen Film gedreht, um in einem zweiten Schritt eine Art Meta-Film daraus machen zu können. Eine Mockumentary über die Entstehung eines Film-Desasters, bei dem jeder einzelne Schritt aberwitzig und bescheuert erscheint. Das musste doch intendiert sein. Das konnte niemand ernst meinen. Oder doch?

Tim Roth entschuldigt sich für seinen Auftritt
 
Immerhin hat sich die Fifa das ganze Projekt ordentlich Geld kosten lassen. Sepp Blatter finanzierte den Film mit mehr als 20 Millionen Euro vor, was mehr als 90 Prozent der Gesamtkosten ausmachte. Der Fußballweltverband hatte also das Konto des Regisseurs Frederic Auburtin ordentlich aufgefüllt, damit dieser einen Spielfilm über die Fifa drehen konnte. Eine klassische Auftragsarbeit, bei der man in der rechten oberen Bildschirmecke eigentlich den Hinweis »Dauerwerbesendung« erwartet.

Dann diese groteske Besetzung: Gérard Depardieu als Jules Rimet und Tim Roth als Sepp Blatter. Zur Erinnerung: Tim Roth war Mr. Orange in »Reservoir Dogs« und Pumpkin in »Pulp Fiction«. Neulich hat sich der Schauspieler für seinen Auftritt in »United Passions« entschuldigt: »Das ist eine Arbeit, für die mein Vater im Grab rotieren würde.«