Wie Schalke-Fans ihre Stadt retten wollen

#401GE

Ein Kopf der S04-Fanszene hat eine Kampagne für das ramponierte Image Gelsenkirchens und für mehr Lebensqualität in der Stadt gestartet. Die Resonanz? Riesig.

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»Gelsenkirchen – woanders is’ auch scheiße.« Mit diesem halb selbstironischen, halb liebevollen Slogan beschreiben die Einwohner mitunter die Lebensqualität in ihrer Stadt. Von außen betrachtet, stellt sich die Lage an der Emscher offenbar noch drastischer dar: In einer vom ZDF veröffentlichten Studie (»Wo lebt es sich in Deutschland am besten?«) landete Gelsenkirchen, die stolze Heimat des FC Schalke 04, auf dem 401. und letzten Platz. Das war dann doch des Schlechten zu viel.

Industriecharme

Eine lokale Kampagne – die Aktivisten sind S04-Anhänger vom »Supporters Club« oder zählen zur übrigen Fanszene – hat sich deshalb aufgemacht, die Stadt und deren Ehre zu retten. Vor dem Spott und dem Mitleid der Nation, aber auch vor weiterer Verarmung, drohendem Verfall und innerer Selbstaufgabe.

Kampagnen-Begründer Olivier Kruschinski, von Freunden nur »Oli4« genannt, ist seit Urzeiten Mitglied im »Supporters Club«, der sich traditionell auch für die Stadt engagiert. Kruschinski ist ein stolzer Gelsenkirchener, der seine Heimat liebens- und lebenswert findet. Das zeigt er Woche für Woche den vielen Besuchern, die – etwa zu den Heimspielen der Knappen – in die Stadt strömen. »Oli4« ist selbständiger Fremdenführer. Er bietet u.a. Erkundungen zu Fuß oder Touren mit dem Fahrrad an. Manche Gruppen geleitet der Familienvater zu den gewaltigen Gelsenkirchener Industrie-Monumenten. Anderen zeigt er die historischen Stätten des FC Schalke 04. Viele wollen beides sehen. »Die Leute kommen gerne, und alle fahren mit wunderschönen Eindrücken nach Hause.«

Elfmeter für Gelsenkirchen

Auf die ZDF-Studie reagierte Kruschinski mit einer gehörigen Portion Ironie, aber auch mit großem Sportsgeist: Unter #401GE griff er den vermeintlichen Schlusslicht-Makel als Marketing-Slogan auf. Und zugleich als Ansporn, das Feld im Städte-Ranking von hinten aufzurollen. Ein bisschen zumindest. »Ein Ziel der Kampagne«, so Kruschinski, »ist es, den Menschen in Gelsenkirchen und anderswo zu sagen: Hey, glaubt doch nicht jeden Scheiß. Erkundet diese wunderbare Stadt und macht euch selbst ein Bild.« Insofern sei Platz 401 »quasi ein Elfmeter für Gelsenkirchen«, findet der Chef-Aktivist. »Den musst du jetzt bloß noch verwandeln – rein Stadtmarketing-technisch gesehen.«

Auf Facebook garniert Kruschinski seine ungewöhnlich ironische Kampagne deshalb mit schmückenden Horror-Storys: Gelsenkirchen biete »nicht nur Kohlenstaub, Rauchschwaden, Lärm, Dreck, Gestank, Armut, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit«, schreibt er: »In Wirklichkeit ist es natürlich noch viel schlimmer!« Besonders wagemutigen Touristen bietet der Stadtführer sogar eine »unvergessliche Radtour durch die Finsternis« an, um GE »in all seiner bezaubernden Abscheulichkeit« kennenzulernen.