Wie René Adler ins Tor der Nationalelf zurückkehrte

Brutal intensiv – und trotzdem leicht

Als der Hamburger SV im Frühjahr 2012 Adlers Verpflichtung vermeldete, rümpften nicht wenige Fußballexperten die Nase. Adler antwortete den Kritikern mit Paraden. War der Torwart jemals weg gewesen? Hatte dieser junge Mann tatsächlich zwischenzeitlich überlegt, die Karriere an den Nagel zu hängen?

Gegen Borussia Dortmund oder Hannover 96 waren die Hamburger nicht unbedingt die bessere Mannschaft, doch sie gewannen, weil René Adler im Tor stand. Die Geschichte wiederholte sich: Wieder erklangen Lobeshymnen, wieder gab es Torwartdiskussionen, und zwischendrin hörte man immer wieder einen neuen Spitznamen: Adler war »der neue Torwart-Titan.«

»Ich bin nicht Typ Kahn!«

Dabei wollte Adler das nicht hören, schließlich hat sein Spiel wenig mit dem von Alphatieren wie Jens Lehmann oder Oliver Kahn zu tun. Wenn man so will, ist er die Antithese zum tunnelblickenden Stahlkeeper. Adler sagte also: »Ich bin nicht Typ Kahn, ich bin nicht Typ Lehmann, ich bin Typ Adler.« Ein Typ, der schon vor vielen Jahren entdeckt hatte, dass man auch mit einer gewissen Leichtigkeit im Tor einer der besten Nationalmannschaften der Welt bestehen kann.
 
Am 14. November 2012 war es soweit: Adler stand nach zweijähriger Abstinenz wieder im Kader der DFB-Elf. Und weil es in den vergangenen zwei Jahren mit Ron-Robert Zieler, Marc-André ter Stegen oder Tim Wiese kaum ernsthafte Konkurrenz für Neuer gegeben hatte, konnte Fußball-Deutschland endlich wieder jubeln: Das Comeback Adlers war auch das Comeback der T-Frage.

Erster DFB-Einsatz nach über zwei Jahren
 
Am gestrigen Mittwochabend durfte Adler erstmals wieder 90 Minuten für die deutsche Nationalelf spielen. Er ging das mit großer Konzentration an, aber wie immer angenehm unaufgeregt, ohne jede Hysterie. Als wäre die Partie in Paris ein gewöhnliches HSV-Testspiel gegen Energie Cottbus II.
 
Im Gegensatz zu Manuel Neuer. Der zeigte sich vor dem Spiel wenig souverän, als er sagte: »Ich habe seine Entwicklung nicht verfolgt, weil ich bei Bayern spiele.« Doch auch dieses exponierte Desinteresse nahm Adler mit buddhistischer Gelassenheit zur Kenntnis. Er sagte: »Ich habe das nicht mitgekriegt. Es ist sein gutes Recht. Ich bin nicht in der Position, das zu bewerten.« Und einem Interview mit dem »Tagesspiegel« fügte er zur Torwartfrage an: »Ach, die Diskussion ist doch quatsch. Man muss sehen, wo ich herkomme.«

»Das war brutal intensiv«
 
Nach dem Spiel war Adler nicht zufrieden. Dabei hatte er mehrmals gut gehalten. Zum Beispiel in der 28. Minute gegen Karim Benzema oder kurz vor Schluss gegen den anstürmenden Franck Ribery. In der 44. Minute war er bei Mathieu Valbuenas Abstauber chancenlos. Für Adler zählte das aber nicht. Er wollte zu Null spielen.
 
Am Ende stand er da, am Spielfeldrand, beschwingt, und er sprach wieder ein paar ehrliche Worte. Er sagte: »Ich muss schon zugeben, dass ich vorher sehr nervös war. Jetzt bin ich aber glücklich.« Und: »Das war brutal intensiv.« Wären diese Bekenntnisse aus dem Mund eines anderen Keepers gekommen, könnte man nun wieder von unmenschlicher Titaniumschwere und dem bestialischen Fußballkampf sprechen. Bei René Adler hörten sich selbst diese Sätze herrlich leicht an.