Wie Österreicher zu den wichtigsten Gastarbeitern der Bundesliga wurden

Die Ösi-Affäre

Österreich stellt mit 28 Profis so viele Bundesliga-Legionäre wie kein anderes Land. Nebenbei zeigt die Alpen-Republik den deutschen Teams auch noch, wie Nachwuchsarbeit geht.

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Wir schließen unsere Augen und denken an: Österreich. Vor uns sehen wir saftig-grüne Almwiesen, die zum Kicken viel zu abschüssig sind. Und weiße Gipfel, die zum Skifahren einladen. Oder zum Jodeln. Aber – Fußball?

Wären da nicht nicht die nackten Fakten, man könnte es kaum glauben: Österreich stellt mit 28 Bundesliga-Profis das mit Abstand größte Kontingent an Legionären in der deutschen Elite-Spielklasse. Na servus, könnte man meinen. Ausgerechnet dieses kleine, schnitzelförmige Land, von dem man lange glaubte, Sport würden sie dort nur im Winter betreiben. Doch nun, wenige Tage vor dem Start der Saison 2018/2019, stehen so viele Österreicher wie noch nie in Deutschland unter Vertrag: 28 an der Zahl. Damit weist die Alpenrepublik sogar das Weltmeister-Land Frankreich (23) in die Schranken – und alle übrigen wie Brasilien, Holland, Belgien oder die Schweiz.

Und da sie sonst nicht viel zu feiern haben in Fußball-Österreich, lässt die rot-weiß-rote Presse mal richtig die Korken knallen: »Österreichischer Legionärs-Rekord in der deutschen Bundesliga«, superlativiert die Tageszeitung »Kurier«. Und die »Kleine Zeitung« (die heißt wirklich so) vermeldet: »28 Österreicher mischen Bundesliga auf«. Dabei wären es um ein Haar sogar 29 gewesen – hätte, ja hätte nicht die TSG Hoffenheim am Mittwoch den guten Robert Zulj an den Zweitligisten Union verliehen. Doch auch die Zahl 28 ist aller Ehren wert – und allemal Grund genug, die Ursachen für den Eroberungszug der Burgstallers, Hintereggers und Baumgartlingers unter die Lupe zu nehmen:

1. Die konsequente Nachwuchsarbeit
Die seit diesem Jahr zwölf Erstligisten zwischen Burgenland und Bodensee bilden nicht nur konsequent Spieler aus, sie setzen sie auch ein – in ihren Profiteams.Grund dafür ist eine Radikal-Maßnahme: Vor gut einem Jahrzehnt beschlossen Verband und Liga in Österreich, dass nur noch jene Klubs das volle TV-Geld ausgezahlt bekommen, die in keinem Spiel mehr als sechs Ausländer im 18er-Kader haben. Die ersten Früchte dieses Anreiz-Systems waren Spieler wie die Ex-Bremer Zlatko Junuzovic und Sebastian Prödl oder der ehemalige Schalker Christian Fuchs. Bis heute halten sich alle Klubs strikt an die Höchstzahl von sechs Legionären auf dem Spielberichtsbogen und setzen brav auf junge, einheimische Spieler – außer, ähem, RB Salzburg. Der stinkreiche Juniorklub von, ähem, RB Leipzig ist nicht auf die Almosen vom österreichischen Fernsehen (rund 1,5 Mio. Euro pro Jahr) angewiesen.

2. Die gute Verbands-Infrastruktur
Während der pompöse DFB-Campus bislang nur in Oliver Bierhoffs Powerpoint-Präsentationen glänzt, hat der arme ÖFB in den vergangenen Jahren kleine, aber feine regionale Leistungszentren (LAZ) aus dem Boden gestampft. Dort wird die Nachwuchs-Elite des Landes konzentriert gefördert. Die daraus resultierenden Topresultate österreichischer U-Nationalteams ließen sogar den damaligen Bayern-Sportdirektor Matthias Sammer hellhörig werden. Der Sachse bat ÖFB-Sportdirektor Ruttensteiner um einen Gesprächstermin. Anschließend lobte Sammer bei »90minuten.at«: »Der österreichische Fußball sollte Willi Ruttensteiner ein Denkmal setzen.« Heute arbeitet der fachlich hervorragende, aber menschlich schwierige Fußballexperte als Sportdirektor beim israelischen Fußballverband – also: Ruttensteiner, nicht Sammer.