Wie Nigel Clough aus dem Schatten seines Vaters trat

Der andere Clough

Jeder kennt Vater Brian, aber was macht eigentlich sein Sohn Nigel Clough? Der hat im letzten Jahr ein echtes Wunder vollbracht - und stieg jetzt ab.

Sebastian Wells
Heft: #
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Zu Saisonbeginn trafen wir Nigel Clough, Trainer von Burton Albion. Am Wochenende stieg seine Mannschaft ab, weil die Bolton Wanderers in letzter Minute gegen Notthingham gewannen. Ausgerechnet, könnte man sagen, wenn man Cloughs Geschichte kennt. 

Dies ist eine Geschichte über Väter und Söhne und Freunde. Es scheint auch eine Geschichte übers Schicksal zu sein, weil sich Lebenswege kreuzen und auf wundersame Weise ähneln, während dieselben Orte immer wieder auftauchen.

Ein kleiner Klub ganz groß

Einer dieser Orte ist Burton-upon-Trent, eine hässliche Industriestadt nördlich von Birmingham. Früher kannte man Burton vor allem wegen seiner vielen Brauereien, heute ist der Name den Leuten ein Begriff, weil sich hier seit einiger Zeit ein Wunder manifestiert. Vor zwanzig Jahren spielte Burton Albion noch Feierabendfußball in der siebten Liga. Im vorletzten Sommer stieg der kleine Klub in die Championship auf, die Stufe unter der Premier League, und schaffte dann sensationell den Klassenerhalt.

Der Mann, der für dieses Wunder verantwortlich ist, heißt Nigel Clough. Wenige Tage vor Beginn der neuen Saison steht der 51-jährige auf dem Rasen des schmucken, aber winzigen Stadions in Burton und fühlt sich unwohl in seiner Haut. Oder besser: unwohl in Hemd, Krawatte und Jackett. Clough hat so viele Jahre seines Lebens in Sportklamotten verbracht, dass ihm förmliche Kleidung ein Graus ist. Doch heute hat er keine Wahl. Heute wird das offizielle Mannschaftsfoto gemacht, und da muss der Trainer gut aussehen. Auch zwei Mitarbeiter von Sky sind da, um den Kader abzulichten. Der Sender braucht ja Bilder zum Einblenden, wenn Burton demnächst gegen Aston Villa, Fulham oder Sunderland spielt.

Albion ist arm

Liam Boyce wurde schon fotografiert, deswegen geht er an Clough vorbei in die Kabine. Der 26-jährige Nordire war als ganz junger Kerl mal bei der zweiten Mannschaft von Werder Bremen. Seither hat er sich prächtig entwickelt und wurde in der letzten Saison Torschützenkönig in Schottland. Burton holte ihn im Juni für 550 000 Euro von Ross County. Noch nie hatte der Verein so viel Geld für einen einzigen Fußballer ausgegeben. Albion ist arm. Im letzten Jahr gab es einen Spieler beim Ligarivalen Newcastle United, der mehr verdiente als Nigel Cloughs ganzer Kader zusammen. In Burton ist man schon froh, wenn der Dortmunder Pumpenhersteller WILO als Sponsor einsteigt.

Doch Boyce, da ist Clough sich sicher, ist jeden Cent wert und wird auch für Burton Tore schießen. Das weiß er, weil der Spieler von einem Scout namens Simon Clough empfohlen wurde, Nigels älterem Bruder. Trainer und Neuzugang sollten also strahlen. Doch es gibt ein Problem. Boyce geht nicht wirklich in die Kabine, er humpelt dorthin. Vor vier Tagen hat er sich das Kreuzband gerissen und wird den Großteil der Saison fehlen. Cloughs unmögliche Mission ist noch ein bisschen unmöglicher geworden. Hat er es jemals bereut, Trainer geworden zu sein? »Ja«, antwortet er. »An jedem Samstagnachmittag.«