Wie Marcelo Bielsa Leeds United verändert hat

Verrückter, lass uns träumen!

Gestern Abend schied Marcelo Bielsa mit Leeds United in den Aufstiegs-PlayOffs aus. Doch wer ist der Trainer, den Guardiola verehrt und der Simeone und Sampaoli inspirierte? Eine Spurensuche.  

imago images
Heft: #
208

Der Text stammt ursprünglich aus der 11Freunde #208. Das Heft ist direkt bei uns im Shop erhältlich.

---

Mit dem zweiten Gegentreffer beginnt der Zweifel die ausverkauften Ränge des Stadions an der Elland Road hochzukriechen. Bedrohlich wie das Monster im Horrorfilm, das besiegt schien und nun mit fürchterlichen Klauen doch wieder nach seinen Opfern greift. Die vierte Niederlage in den letzten sechs Spielen zeichnet sich ab und der Verlust der Tabellenspitze. »Leeds are falling apart – again«, singen die Gästefans höhnisch zur Melodie von Joy Divisions »Love Will Tear Us Apart«. Der Rest des Stadions schweigt. Schafft es Leeds United etwa wieder nicht, einen Vorsprung über die Saison zu bringen und endlich in die Premier League zurückzukehren? Ist Marcelo Bielsa doch nicht das Genie, den Pep Guardiola für »den besten Trainer der Welt« hält, sondern eben »El Loco«? Der Verrückte, dessen Mannschaften zum Ende der Saison ausgebrannt ihre Ziele verpassen?

Trainer für die Trainer

Die auf den Tribünen sind mit dem Zweifel nicht allein. Bielsa geht mit hinter dem Rücken verschränken Armen die Coaching Zone auf und ab, den Blick auf den Boden geheftet. Niemand ist eher bereit, ihm die Schuld an Niederlagen zu geben als Bielsa selbst. Seine Stürmer mögen die größten Chancen vergeben und seine Verteidiger patzen, doch nach dem Spiel, das gegen Norwich wirklich verlorengeht, wird er sagen: »Dafür ist immer der Trainer verantwortlich.«

In der Literatur gibt es Schriftsteller, die das Publikum kaum kennt, die aber von anderen Schriftstellern verehrt werden. Es gibt Filmemacher, die nie einen Kassenerfolg hatten, aber eine Inspiration für viele Regisseure sind. Marcelo Bielsa ist in diesem Sinne ein Trainer für die Trainer. Guardiola traf den Argentinier vor ein paar Jahren, und sie redeten 13 Stunden lang über Fußball, in denen der Spanier endlose Seiten mit Notizen füllte. Diego Simeone von Atletico Madrid und Mauricio Pochettino von Tottenham spielten nicht nur unter Bielsa, sondern nennen ihn bis heute als wichtigsten Einfluss. Der ehemalige chilenische Nationaltrainer Jorge Sampaoli hörte sich stundenlang unterm Kopfhörer die Mitschnitte von Bielsas Pressekonferenzen an wie andere ihre Lieblingsband. Auch Belgiens Nationaltrainer Roberto Martinez ist ein Bielsista, ein Mitglied der Kongregation der Bielsa-Gläubigen.

Vorlesung und Messe

Einmal in der Woche ist in Thorpe Arch ihr Gottesdienst. Vom Stadion aus braucht man mit dem Auto eine halbe Stunde zum Trainingsgelände von Leeds United. Die grimmige postindustrielle Härte der Stadt bleibt auf dem Weg zurück, die Umgebung wird zum englischen Postkartenidyll mit gemütlichen Ortschaften, grünen Hecken und einem gluckernden Flüsschen, über das eine einspurige Steinbrücke führt. In der Abgeschiedenheit von Thorpe Arch ist die Akademie für den Nachwuchs des Klubs untergebracht und trainieren die Profis streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Stets zwei Tage vor den Spielen öffnet sich das Tor zu dieser Welt einen spaltbreit. Durchs Treppenhaus werden die Journalisten dann in den Raum der Verkündigung gescheucht, ein winziges Zimmer in der ersten Etage, an dessen Decke die Spuren eines alten Wasserschadens zu sehen sind. Drei Reihen cremefarben gepolsterte Louis-XVI-Stühle wirken wie verirrte Gäste aus den umliegenden Landhäusern. Vorne am Tisch, eine Papierwand mit Sponsorenlogos im Rücken, nehmen Marcelo Bielsa und sein Übersetzer Salim Lamrani Platz.

Anderswo wäre das einfach die Pressekonferenz, aber das kann sie hier schon deshalb nicht sein, weil dieser Übersetzer nicht irgendein Co-Trainer ist, der halt Spanisch und Englisch kann. Der Franzose Lamrani trägt einen Doktortitel der weltberühmten Universität Sorbonne in Paris und ist ein international anerkannter Experte für das politische Verhältnis der USA und Kuba. Als Bielsa 2017 in Lille Trainer wurde, lernten sie sich kennen, seither sind sie eng befreundet. Eigentlich ist es absurd, dass so ein Akademiker die Fragen nach verletzten Spielern und den Aussichten fürs nächste Spiel übersetzt, aber nicht hier. Schließlich ist Bielsa ein Gelehrter und Hohepriester des Fußballs, und dies ist eine Mischung aus Vorlesung und Messe.