Wie Madrider Polizisten auf Bayern-Fans einschlugen

Wie die spanische Justiz auf die Vorwürfe reagierte

Rainer Leonhardt und Sohn Max haben sich gemeinsam mit drei weiteren Bayern-Anhängern entschieden, die Ereignisse von Madrid nicht widerspruchslos hinzunehmen. Mit Unterstützung des Münchner Strafrechtlers Marco Noli und dem spanischen Menschenrechtsanwalt Gonzalo Boye wollen sie Klage gegen die beteiligten Einsatzkräfte einreichen. Leonhardt sagt: »Wenn dem irgendwas seitens unserer Fans vorausgegangen wäre, würde ich es auf sich beruhen lassen. Aber da war nix. Gar nix. Und solche Unverhältnismäßigkeiten gehören sich nicht.« Gerüchteweise soll ein umstrittenes Banner die Ordnungsmacht auf den Plan gerufen haben. Selbst wenn, rechtfertigt es sicher nicht die Härte des Vorgehens. Leonhardt geht es bei der Klage nicht um ein fettes Schmerzensgeld, sondern um Gerechtigkeit. »Und wenn es am Ende einen Tausender kostet, ich ziehe das durchq, so der Mittenwalder entschlossen, »so was darf nie mehr passieren.«

Träge Justiz

Der Dachverband aktiver FC-Bayern-Fans, der »Club Nr. 12«, hat einen Spendenaufruf gestartet, um eventuelle Prozesskosten zu kompensieren. Zudem bittet die Fanvereinigung alle Auswärtsfahrer, die am 18. April 2017 in Madrid auf der Tribüne waren, Videos und Fotos einzureichen, die Rückschlüsse auf die Täter liefern könnten. Auf diese Weise wurden Rechtsanwalt Noli bereits mehr als 50 teils hochaufgelöste Mitschnitte und zahllose Bilder zugespielt, die ihm die Beweisführung gegen die Täter erheblich erleichtern. Denn nicht nur die Polizisten der Bereitschaftspolizei Madrid sind durch individuelle Nummern zuzuordnen, auch die Ordner tragen Kennzahlen am Leibchen.

»Die Justiz tut sich generell – nicht nur in Spanien – schwer«, sagt Marco Noli, »gegen Polizisten zu ermitteln.« Deutsche Behörden lehnten ein Ermittlungsverfahren ab, weil in der EU »Funktionsträgerimmunität« bestehe. Heißt: Spanische Polizisten können nur vor spanischen Gerichten verurteilt werden. Der FC Bayern reichte offizielle Beschwerde bei der Bundesregierung ein, der spanische Botschafter wurde einbestellt, so dass mit einiger Verzögerung am Ende doch Ermittlungen eingeleitet wurden. Noch ist unsicher, ob die Staatsanwaltschaft in Madrid auch Anklage gegen die Täter erheben wird. Rechtsanwalt Noli und sein spanischer Kollege Boye werden deshalb aller Voraussicht nach in diesen Tagen strafrechtliche Privatklage einreichen. Die Klageschrift ist fast fertig, muss jedoch noch übersetzt werden. Es ist ein zeitraubendes Unterfangen. Immer wieder müssen die Kläger Unterschriften und Beglaubigungen beibringen. Die spanischen Behörden zeigen sich nicht gerade kooperativ in der Angelegenheit. Dennoch sieht der Anwalt aus München gute Chancen, dass seine Klienten am Ende Recht bekommen: »Es wird nicht einfach. Ich gehe aber davon aus, dass wir aufgrund der Vielzahl von Beweismitteln den Personen, die wir aufgrund ihrer polizeilichen Rückennummern identifizieren können, ein strafbares Verhalten nachweisen werden.«

Wie Vieh durch die Straßen

Noli weiß, dass derartige Verfahren langwierig sein können. Er ist Mitglied in der »Arbeitsgemeinschaft Fananwälte« und vertritt auch die Interessen von 1860-Fans, die am 9. Dezember 2007 bei einem Amateurderby gegen den FC Bayern im Grünwalder Stadion von Polizeibeamten mit Schlagstöcken und Pfefferspray attackiert wurden. Mit den 1860-Anhängern zog er in dieser Angelegenheit bis vor den Europäischen Gerichtshof.

Seine Liebe zum Fußball lässt sich Rainer W. Leonhardt durch den Madrider Vorfall nicht vermiesen. Er hat sich über Jahre daran gewöhnt, auch als friedlicher Auswärtsfahrer am Stadion mitunter wie Vieh eingepfercht zu werden. Und er weiß, dass es vor Fanmärschen in manchen Ländern clever ist, vorab die Notdurft zu verrichten, weil Einsatzkräfte jeden, der vorzeitig aus dem Pulk ausschert, im Zweifelsfall mit Hieben zurück in die Reihen schicken. Er will auch in Zukunft nach England fahren, wo in der Bannmeile um die Arena kein Alkohol zugelassen ist. Weil es ihm zur liebgewonnenen Tradition geworden ist, ein Bier bei den Straßenhändlern zu kaufen, die unmittelbar hinter der Linie stehen, deren Überschreiten mit einem Drink eine Strafe von 200 Pfund nach sich ziehen würde. Nur in einer Sache ist sich der Geigenbauer nicht mehr sicher: »Keine Ahnung, ob ich je wieder ins Bernabeu fahre. Denn diese Minuten werde ich mein Leben lang nie mehr vergessen«