Wie Madrider Polizisten auf Bayern-Fans einschlugen

Wie die spanische Polizei vorging

Leonhardt steht unterhalb am Treppenaufgang im Block 529 und sieht oben Sohn Max mit einer blutenden Wunde an der Schläfe. Um Max herum bahnen sich Polizisten mit schwingenden Schlagstöcken den Weg in den Bereich, in dem zum Großteil Ultras und andere junge Bayern-Anhänger stehen. Die Gründe für das harsche Vorgehen erschließen sich Leonhardt nicht. Denn weder ist eine Pyrofackel gezündet worden noch haben Anhänger irgendwie für ihn erkennbar provoziert.

Die meisten Fans wissen nur zu gut, dass mit spanischen Ordnungskräften nicht gut Kirschen essen ist. Während in England zwei, drei Bobbys mit ihrer besonnenen Art auf Deeskalation setzen und einen ganzen Fanmarsch in Schach halten, kommt es in Spanien immer wieder vor, dass Auswärtsfahrer bereits vorsorglich mit dem Schlagstock bekanntgemacht werden, um gar nicht erst auf dumme Gedanken zu kommen.

Überfallartiger Angriff

Weil sein Junge im Zentrum des Getümmels steht, signalisiert Leonhardt ihm, er solle die Hände über den Kopf nehmen. »Damit alle sehen: Er macht nix«, erklärt er. Doch oben eskaliert die Situation weiter. Polizisten zerren das »alarMstufe rot«-Banner von der Balustrade und werfen es mit einer abschätzigen Geste nach unten in Block 529. Es fällt Rainer Leonhardt unmittelbar vor die Füße, der es geistesgegenwärtig aufhebt. Da eilen plötzlich ein Ordner und zwei Uniformierte herbei, um ihm die Zaunfahne zu entreißen und unvermittelt mit Schlagstöcken auf ihn einzuschlagen. Leonhardt erleidet mehrere Hämatome und Prellungen am Oberkörper.

Der Rücken von Rainer W. Leonhardt nach dem Angriff der spanischen Polizei. Foto: privat.

Als er wieder zur Besinnung kommt, ist sein Sohn aus dem Block entfernt worden. Bei den Sanitätern im Stadionumlauf erreicht ihn ein Anruf von Max, der trotz zahlreicher Verletzungen mit einer nur notdürftig geklammerten Kopfwunde von Ordnern vor die Stadiontore verbracht worden ist. Dort treffen Vater, Tochter Nina, die inzwischen dazugestoßen ist, und Sohn Max schließlich wieder zusammen. Als Leonhardt fünf Minuten vor Spielende endlich zurück ins Stadion darf – nach langem, schikanösem Hin und Her am Eingang – herrscht im Bayern-Block noch immer Fassungslosigkeit über den etwa neunminütigen Polizeieinsatz in der Halbzeit, der so überfallartig, wie er nach dem Pausenpfiff begonnen hatte, auch wieder endete, als die Teams aus der Kabine zurück aufs Feld kamen.

Wenn der Kopf vergessen soll

Etwa 20 Bayern-Fans werden an diesem Tag Opfer des gewaltsamen Polizeieinsatzes. Viele von ihnen verzichten dennoch darauf, Anzeige zu erstatten. Einige, weil ihnen der Aufwand zu groß erscheint oder sie die finanziellen Risiken eines Verfahrens scheuen, andere, weil sie schlichtweg durch die Ereignisse traumatisiert sind. Eine Frau, die erstmals zu einem Europacupspiel des FC Bayern gereist ist, schreibt nach dem Spiel an den Klub: »Wie aus dem Nichts wurde unser Block binnen Sekunden von Polizisten überrannt. Schlagstöcke und Knüppel überall (…). Obwohl mein Mann versuchte, mich zu schützen, bekam ich einen heftigen Schlag ins Gesicht (…), als sich die Lage wieder beruhigte und die Polizei sich zurückgezogen hatte, brach ich völlig aufgelöst in Tränen aus und wollte nur noch weg (…). Von einer Anzeige möchte ich jedoch absehen (…), die Szenen aus dem Kopf bekommen und nicht immer wieder neu daran erinnert werden.«

Erfahrenere Auswärtsfans sind weniger überrascht vom Vorgehen der Sicherheitsorgane. Unter Bayern-Anhängern ist von einem Nord-Süd-Gefälle die Rede. Je weiter südlich ein Team in Europa spielt, heißt es, desto rücksichtsloser gingen Polizeikräfte gegen Gästeanhänger vor. In der Uefa-Cup-Saison 2007/08 kam es beim Viertelfinale des FC Bayern im Madrider Vorort Getafe schon mal zu einem Blocksturm durch die Polizei, bei dem ein Bayern-Fan einen Trümmerbruch im Arm erlitt. «Wenn sie die Helme aufsetzen und die Schienbeinschoner zurechtruckeln«, so eine ungeschriebene Regel unter Auswärtsfahrern, die in Spanien unterwegs sind, »geh’ besser in Deckung«.