Wie Madrider Polizisten auf Bayern-Fans einschlugen

Strafsache Bernabeu

In der Halbzeit des Champions-League-Viertelfinals 2017 gegen Real Madrid wurden zahlreiche Fans des FC Bayern von Sicherheitskräften zusammengeschlagen. Wenn am Abend in Sevilla gespielt wird, dürfte bei den Münchener Fans die Erinnerungen zurückkehren.

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192

Diese Geschichte erschien erstmals im November 2017 in der Ausgabe #192 und ist weiterhin in unserem Shop erhältlich. 

Mitten im Gespräch holt Rainer Leonhardt sein Smartphone heraus, öffnet den Foto-Ordner und beginnt, übers Display zu wischen. Der Bilderreigen eines ganz normalen Fußballausflugs: ein Flugzeug auf dem Rollfeld. Ein Glas Weißwein im Sonnenschein. Ein Selfie mit Tochter Nina, beide in Trikots des FC Bayern. Ein Gebäude an der Plaza de Espana. Händlertrubel vor den Toren des Estadio Santiago Bernabeu. Die Mannschaften beim Betreten des Spielfelds, leicht unscharf, weil das Bild aus großer Entfernung gemacht wurde. Gutgelaunte Fans hinter ihren Bannern an der Balustrade. Dann schließen sich urplötzlich Fotos von halbfertigen Violinen an. Anderer Ort, anderer Kontext.

»Mia san mia« bei der spanischen Polizei

Die Chronik des Spieltags endet abrupt. Was sich nach Spielbeginn ereignet, ist nicht mehr dokumentiert. Mit dem Anpfiff beginnt für den Fußballfan, der vierzig Jahre lang dem FC Bayern an viele Orte auf der Welt gefolgt ist, der Ernstfall. Dann gibt es Wichtigeres, als auf den Auslöser einer Kamera zu drücken. Wie ernst es an diesem Tag, dem 18. April 2017, beim Champions-League-Spiel bei Real Madrid werden soll, ahnt er jedoch nicht. Und dass es am Ende ein Fehler gewesen sein könnte, die Kamera weggesteckt zu haben.

Rainer W. Leonhardt ist Geigenbauer in der dritten Generation. Sein Großvater hat die Manufaktur in Mittenwald 1926 eröffnet. Als Auswärtsfahrer war er schon oft in Madrid. Er hat gelernt, dass in südlichen Ländern die Ordnungskräfte mitunter rigider auftreten, als unbedingt nötig. »Die Polizei in Italien und Spanien«, sagt er, »muss immer zeigen: ,Mia san mia‘«. Nach einem 6:0-Auswärtssieg in Rom ließen Sicherheitskräfte ihn und ein paar hundert Bayern-Anhänger mal für fast zwei Stunden nicht aus dem Stadion. Als sie endlich gehen durften, war das Flutlicht schon aus. Leonhardt hat erlebt, wie er nach Stunden des Wartens am Stadioneingang seinen Gürtel und die Handykopfhörer abgeben musste. Der 54-Jährige ist kein Althauer, kein Krawallmacher. Wenn er zum Auswärtsspiel fährt, freut er sich nicht nur auf ein attraktives Spiel, sondern über den Tapetenwechsel. Kennt er den Spielort noch nicht, nimmt er an der Stadtrundfahrt teil, die im Angebot des offiziellen Reisebüros des FC Bayern inbegriffen ist, wo auch sein Schwiegersohn arbeitet. Der robuste Geigenbauer hat ein feines Gespür für Instrumente, für Klang – aber auch für störende Nebengeräusche.

AlarMstufe rot

An diesem Tag nimmt Leonhardt keine drohenden Untertöne wahr. Nichts deutet darauf hin, dass ausgerechnet das Viertelfinale zwischen den beiden Weltklubs in einer Gewaltorgie durch die spanischen Sicherheitskräfte gipfeln könnte. Im Gegenteil. Die Stimmung unter den rund 4500 Auswärtsfans ist trotz der 1:2-Hinspielniederlage bestens. Aus einer Ecke des Oberrangs beschallen die Münchner mächtig das weite Rund des Bernabeu-Stadions. Leonhardt ist gemeinsam mit Tochter Nina im Flugzeug angereist, die beiden haben ihre Plätze im Block 633 eingenommen. Sohn Max gehört zur Fangruppierung »AlarMstufe rot«, die den Weg im Bus zurücklegt und etwa hundert Meter entfernt im Block 629 ihr Banner aufgehängt hat.

Als es zur Halbzeit noch 0:0 steht, begibt sich der Mittenwalder in den Stadionumlauf, um Getränke zu holen und auf dem Rückweg kurz beim Sohn im Block vorbeizuschauen. Zur Feier des Tages trägt Leonhardt sein blaurot-gestreiftes Trikot mit der Nummer 21: Lahm. Als er gegen 21.35 Uhr mit gefüllten Bechern ins Stadioninnere zurückkehrt, traut er seinen Augen kaum. An den Sektorenaufgängen sind mehrere Dutzend Polizeikräfte in schwarzer Kampfmontur und Helmen aufmarschiert, die von rechts und links die Bayern-Fans in den Blöcken 627 und 629 in die Zange nehmen. Unterstützt werden sie von Ordnern des privaten Sicherheitsdienstes Prosegur in gelben Leibchen.