Wie Levski Sofia im Chaos versinkt, weil die Fans den Klub nicht führen wollen

Langsamer Tod einer Legende

Der traditionsreichste Klub Bulgariens steht vor dem finanziellen Aus. Auch, weil sich der Eigentümer aus dem Staub gemacht hat. Und er den Fans zehn Millionen Euro Schulden vermachen möchte.

Foto: Frank Stier

Levskari nennen sich die Anhänger von Levski Sofia, dem traditionsreichsten Fußballverein Bulgariens. Zwei Millionen Bulgaren sollen sich zu ihm bekennen, seit seiner Gründung im Jahr 1914 hat Levski Sofia so viele Trophäen bei Meisterschaften und Pokalturnieren errungen wie kein anderer bulgarischer Klub. In der Rangliste der Ersten Bulgarischen Liga liegt er hinter seinem 1948 gegründeten Erzrivalen und Rekordmeister ZSKA Sofia auf Rang zwei.

Zum letzten »Ewigen Derby« zwischen ZSKA und Levski im Nationalstadion am 15. Oktober 2016 formierten sich hunderte Levskari zur Trauerprozession; schwarzgewandet trugen »die Blauen« »die Roten« von ZSKA symbolisch zu Grabe. Auch während des fußballerisch enttäuschenden Spiels gab der Block der Levskari durch seine Choreographien zu verstehen, dass ZSKA für ihn gestorben sei. Nach ZSKAs finanzieller Pleite, seinem Zwangsabstieg in die dritte Liga und der Übernahme durch Grischa Gantschev, den Eigentümer von Litex Lovetsch, denunzieren die Levski-Anhänger ZSKA-Sofia als gen-modifiziertes Litex, das mit dem eigentlichen ZSKA nur noch das Kürzel gemeinhabe.

»Wir sind extrem sauer«

Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Nur vier Monate später droht Levski nun das gleiche Schicksal wie ZSKA, nachdem Spass Russev, seit August 2016 Levski-Mehrheitseigner, aus Wut auf die Fans hingeschmissen hat. In seiner Rückzugserklärung ließ er beiläufig die Bemerkung fallen: »Nach dem durchgeführten Audit von Ernst & Young zeigt sich, dass Levski praktisch bankrott ist.« Levsiki-Finanzdirektor Krassimir Ivanov taxiert den Schuldenstand auf 26,2 Mio BGN (ca. 13 Mio €).

Was war geschehen? Am 20. Februar 2017 verließen die rund 10% der Anteile am Verein repräsentierenden Fanvertreter eine Aktionärsversammlung, weil nicht alle sie interessierenden Fragen diskutiert wurden. Einen Tag später erklärte der Nationale Klub der Anhänger (NKP) von Levski auf seiner Website die Zusammenarbeit mit der Vereinsführung mit sofortiger Wirkung für beendet. »Angesichts des überheblichen Verhaltens und des Mangels an jeglichem Respekt des Klubeigners Spass Russev gegenüber dem blauen Publikum beendet der NKP mit dem heutigen Tag jegliche gemeinsame Aktionen und Treffen mit der Vereinsführung. Er wird nicht länger Mediator und Übersetzer in der Kommunikation mit den Anhängern sein und auch die Arbeit bei der Prävention von Fußball-Hooliganismus mit den Vertretern des PFK Levski einstellen. Wir sind extrem sauer wegen allem, was passiert ist und passiert in unserem Klub«, verlautete NKP.

»Das ist ein langsamer Tod«

Russev konterte vierundzwanzig Stunden später: »Heute, am 22. Februar, sehe ich mich genötigt, mich vom professionellen Fußballklub Levski zururückzuziehen. Damit werde ich zum dritten Eigentümer in Folge in der neuesten Geschichte des Klubs, der dies unter dem Druck sogenannter Fans tut. Es sind dies keine ehrbaren Anhänger, für die der Fußball überhaupt existiert.« Es sei offensichtlich an der Zeit, so Russev, »dass die Führungsleute der Fan-Organisationen, die behaupten, dass sie wissen, wie man einen Klub führt, sich damit befassen.«


Foto: Frank Stier

Er werde seine 87% der Levski-Aktien unentgeltlich den beiden Fanorganisationen NKP und Trust »Blaues Bulgarien« übereignen. Für den nationalen Fanclub lehnte NKP-Vorsitzender Stepan Hindiljan die Schenkung dankend ab: »Es geht nicht, dass Spass Russev sagt, hier habt ihr die Aktien, jetzt regiert. Es geht nicht, dass ich am Morgen aufwache und mir jemand sagt, hier, nimm 20 Mio BGN (ca. 10 Mio €) Schulden. Der Klub wird im Moment mit Darlehen finanziert. Das ist ein langsamer Tod«, warnt Hindiljan.