Wie Levin Öztunali mit dem Seeler-Erbe umgeht

»Der HSV hat seine Seele verloren«

Anfang 2013 dann der Schock. »Öztunali hat keinen Bock mehr auf Hamburg!«, titelte die »Bild«. Der damalige Sportdirektor Frank Arnesen sagte zwar, es habe größtmögliche Perspektiven gegeben und der HSV hätte niemals zuvor so ein gutes Angebot für einen Jugendspieler abgegeben, doch Öztunali, bei dem auch englische Klubs angefragt hatten, war da schon weg. Sein neuer Verein: Bayer Leverkusen.

Vom Training freigestellt
 
An dieser Stelle funktioniert die Geschichte nur noch mit Uwe Seeler, denn der Großvater wütete in jenen Tagen ordentlich los: »Der HSV hat seine Seele und Tradition ein bisschen verloren«, sagte er in der »Hamburger Morgenpost«. Oder: »Der HSV-Vorstand muss sich mal hinterfragen, warum in den vergangenen Jahren so viele Talente weggegangen sind.« Öztunali durfte zu dem Zeitpunkt nicht mehr bei den A-Junioren spielen, auch vom Training war er freigestellt worden.
 
In Leverkusen erhielt er einen Dreijahresvertrag und ein paar tausend Euro mehr als beim HSV. Es sei allerdings nicht ums Geld gegangen, sondern um Perspektiven, die bessere Nachwuchsförderung. Und vermutlich auch um die Sache mit dem berühmten Opa.
 
In den vergangenen Jahrzehnten hat es immer wieder Söhne berühmter Väter oder Großväter gegeben, die ebenfalls groß rauskamen. Paolo Maldini wurde beim AC Mailand sogar noch berühmter als sein Vater Cesare. Andere wiederum konnten nie aus dem Schatten treten. Vielleicht weil sie nie richtig loslassen konnten vom väterlichen Klub. Als Stephan Beckenbauer mit Mitte 20 endlich München verließ, kam er bei den nicht gerade majestätischen Vereinen Kickers Offenbach, FC Grenchen und dem 1. FC Saarbrücken unter. Nach vier Jahren kehrte er wieder heim.

»Was wäre da losgewesen?«
 
Neulich imaginierte Mete Öztunali was passiert wäre, wenn sein Sohn in Hamburg geblieben wäre: »Ab Sommer 2013 sollte Levin bei den Profis trainieren. Jeder kann sich ja ausmalen, was da losgewesen wäre«, sagte er in einem Interview mit der »Sportbild«.
 
Die Aussage des Vaters ist die Folge einer medialen Dauer-Beobachtung seines Sohnes seit der frühesten Kindheit. Schon im Alter von 14 Jahren, als Öztunali für die deutsche U15 debütierte, jubelten die Hamburger Zeitungen: »Uwes Enkel für Deutschland!« Und irgendwann waren die Fotos von Levin so groß gewesen wie die von Uwe oder Rafael van der Vaart. Dabei hatte der Junge noch nicht mal ein Profispiel absolviert.
 
Dennoch: Es begann die große Suche nach vergleichbaren Parametern. Plötzlich standen Fragen im Raum wie: Macht Öztunali auch Tore mit dem Hinterkopf? Hat er schon mal per Seitfallzieher getroffen? Haben sich Opa und Enkel schonmal einen Ball zugepasst? Öztunali, von dem man offenbar dachte, er müsse doch täglich wie ein hysterischer Fan bei seinem Großvater um Autogramme betteln, sprach in Interviews glücklicherweise sehr unaufgeregt. »Er ist ein ganz normaler Opa«, sagte er mal. »Wie ein Opa für jeden anderen Menschen auch ist.« Punkt.
 
Was sollte er auch sagen? Schon vom Spielertyp ist er ganz anders. 1,84 Meter groß, ein Mittelfeldallrounder, der defensiv, offensiv und sogar auf den Außenpositionen spielen kann. Einer, der trickreich spielt, mit Tempo und Ausdauer.

Das neue Umfeld tut gut
 
Für Bayer Leverkusen machte er das schon ganz ordentlich, 15 mal spielte er in der Bundesliga, einmal, gegen Benfica Lissabon, durfte er sogar in der Champions League ran.
 
In der Winterpause verlieh ihn Leverkusen an Werder Bremen. Wieder eine neue Stadt, wieder ein Umzug. Doch vielleicht ist diese kleine Deutschlandreise ganz gut. Denn sie bedeutet auch: Neue Mitspieler, neue Legenden, neue Fotos an den Wänden der Geschäftsstelle. Wie auch in Leverkusen kündigt ihn hier niemand über Lautsprecher feierlich als »Enkel von Uwe Seeler« an, so wie es in seinen Jugendjahren mal passierte. Niemand sagt »Uns Levin« und knufft ihm dann ihn die Seite. Und niemand fragt ihn, ob er nicht mal eben vor dem Stadion ein Fan-Selfie vor dem 5,15 Meter breiten Bronzefuß seines Großvaters machen könne.

Es muss sich alles sehr frei anfühlen. Man kann nur hoffen, dass Öztunali sein erstes Tor nicht per Hinterkopf am 19. April gegen den HSV erzielt.