Wie krass die Jagd nach Talenten geworden ist

Die Abstürze werden größer

Ralf Keitel erzählt mit großem Vergnügen davon, mit welchen Techniken ihn Berater unauffällig in Gespräche zu verwickeln versuchen, fast zwanzig von ihnen hat er zu sich nach Hause eingeladen, in Einzelterminen. Yannick war bei den Gesprächen dabei, denn im Grunde organisiert sein Vater ein lang angelegtes Casting für den Fall, dass der Junge wirklich im Profifußball ankommt. Bis dahin jedoch kümmern sie sich um alles noch selbst. »Es ist unsere Freizeitgestaltung geworden, wir fokussieren uns darauf«, sagt Ralf Keitel, der Maschinenbauingenieur ist. Wenn die Mannschaft seines Sohnes spielt, sind seine Frau Kerstin und er fast immer dabei. Unter der Woche bilden sie den Fahrdienst für die halbstündige Strecke zwischen Breisach und Freiburg zum Training. Seit sechs Jahren geht das schon so. Ob Yannick in der Bundesliga landet oder nicht, ob er dort Millionen verdient oder nicht, ist für die Keitels kein Thema. 

Auch weil ihnen klar ist, dass sich die meisten großen Träume sowieso nicht erfüllen. Jedes Jahr verlassen über 600 Spieler die deutschen Nachwuchsleistungszentren, und vielleicht 30 von ihnen werden Profis, die zweite und dritte Liga mit einbezogen. Von den 35 Spielern, die vor fünf Jahren in der U19 des BVB standen, spielt keiner in der Bundesliga, drei in der zweiten Liga und einer in der türkischen Süperlig. Fünf Jungs kicken gar nicht mehr. Aus der Mannschaft des FC Bayern von damals ist derzeit ein Spieler Reservist in der zweiten Liga und einer kickt in der österreichischen Bundesliga. Der Rest spielt zumeist viert- oder fünftklassig – wenn überhaupt. Das ist weder untypisch noch ein Drama, denn fast alle haben eine gute Schulausbildung bekommen und was fürs Leben gelernt. Und ihre Altersgenossen in den Turninternaten oder Leistungsschwimmer und Ruderer hatten nicht einmal die theoretische Chance, von ihrem Sport langfristig leben zu können. 

»Nur die geistig widerstandsfähigsten Spieler überleben.«

Das Problem ist ein anderes: Die Kommerzialisierung des Jugendfußballs macht die Abstürze größer. Was ist mit dem Jungen, der mit 16 Jahren aus Süddeutschland nach Schalke wechselte und dort 8000 Euro im Monat verdiente und nun wieder daheim am Bodensee bei den Amateuren kickt? Was bedeutet es, wenn ein Kind mehr verdient als seine Eltern und dann der Traum vom Profifußball platzt? Was ist mit den Familien, die mit ihrem 12-Jährigen umsiedeln und mit ansehen müssen, wie er schon zwei Jahre später wieder aussortiert wird? 

Neulich hat sich Mehmet Scholl über die Ausbildung der Talente beschwert, oben ankommen würde eine »weichgespülte Masse«. Er beklagte damit einen Mangel an kreativen Paradiesvögeln und eigensinnigen Straßenkickern. Doch ihr Fehlen hat nichts mit den von Scholl gehassten Laptop-Trainern zu tun. »Es reicht nicht, der beste Kicker zu sein«, sagt Kölns ehemaliger Nachwuchsleiter Jörg Jakobs. »Nur die geistig widerstandsfähigsten Spieler überleben.« Oft genug sind das heute Kinder aus Mittelschichtfamilien wie den Keitels. Von Eltern, die bereit und wirtschaftlich in der Lage sind, sich in den Dienst ihrer Söhne zu stellen. Und die ihren Nachwuchs zumindest etwas vor dem ganzen Irrsinn schützen können. »Die Kinder müssen ein normales Leben führen, das ist das Wichtigste«, sagt Jakobs. Genau das ist inzwischen aber auch das Schwierigste.