Wie krass die Jagd nach Talenten geworden ist

Bis 2006 wurde nicht abgeworben. Dann kam Toni Kroos.

Bis 2006 galt es unter den Bundesligisten als unschicklich, sich gegenseitig Jugendspieler abzuwerben. Dann aber geriet ein hochtalentierter, damals 16 Jahre alter Mittelfeldspieler von Hansa Rostock ins Visier der Bayern: Toni Kroos. Die Münchner erkauften sich Hansas Schweigen mit einer halben Million Euro Kompensation, danach war von einer Solidarität der Ausbilder nie mehr die Rede. Seit 2012 wird der Transfermarkt konsequent in den Jugendfußball vorgezogen. Stuttgarts heutiger Manager Michael Reschke holte der verdutzten Konkurrenz zwei Supertalente nach Leverkusen weg. Für Levin Öztunali vom Hamburger SV und Julian Brandt aus Wolfsburg bezahlte Bayer insgesamt 520 000 Euro Ablöse. Der Marktwert beider Spieler zusammen liegt heute bei gut 35 Millionen Euro. 

 

Die Einkaufspolitik der großen Klubs bringt sogar mittelständische Vereine wie Hannover 96 in die Bredouille. Weil den Niedersachsen ständig die besten Talente weggekauft wurden, wird seither der Eingang zum Nachwuchsleistungszentrum an der Clausewitzstraße von einem Sicherheitsdienst bewacht. Sämtliche Trainingseinheiten aller Jugendteams und der U23-Mannschaft finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Zutritt haben nur die Familienangehörigen der Spieler. 

Besonders aggressiv bei der Akquise war in den letzten Jahren RB Leipzig, vor allem nachdem im Jahr 2015 die Akademie am Cottaweg eröffnet wurde. Die Verantwortlichen des Newcomers mussten damals fast aus dem Stand 50 Internatsplätze mit Spitzenspielern füllen und gingen mit dem Staubsauger durch die Nachwuchsleistungszentren der Konkurrenz. Das war aber nur der vorletzte Akt in einer beeindruckenden Materialschlacht, die sich die Klubs seit Jahren liefern. Letzten Sommer setzte sich der deutsche Rekordmeister mit dem FC Bayern Campus an die Pole Position im Nachwuchsfußball. 100 Millionen Euro kostete die Anlage im Norden von München unweit der Arena mit acht Fußballplätzen und einem Mini-Stadion für 2500 Zuschauer, mit Arztpraxis, Mensa und eigener Bushaltestelle. 

 

»Wir haben Steine gebaut. Und jetzt müssen wir den FC Bayern mit Beinen besser machen«, kündigte Vereinspräsident Uli Hoeneß an. Eine schlechte Nachricht für die Konkurrenz, denn schon wieder war ein Konkurrent mit tiefen Taschen unterwegs, der 35 Apartments mit Spielern zu füllen hatte.  

 

Längst hat sich auch dadurch der Wettbewerb um die Talente vorverlegt: Wenn sich alle um die 17-Jährigen balgen, warum nicht gleich die talentiertesten Kinder verpflichten? »Ich bin kein großer Freund davon, Spieler unter 15 Jahren aus ihrem Umfeld zu reißen«, sagt Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick. Allerdings könne es auch mal Ausnahmen geben. Um den 12-jährigen Offensivspieler Godjes Yeboah vom SC Blaues Wunder Hannover rissen sich Dortmund, Schalke, Bayern, Wolfsburg und Bremen – RB bekam den Zuschlag. Der Junge zog samt Familie nach Leipzig, wo der Vater einen Job bei Porsche vermittelt bekam. Finanzielle Zuwendungen bestreitet der Klub allerdings. »Mit einem Familienumzug mutet man jungen Kerlen möglicherweise zu viel zu«, findet Rangnick, dennoch passiert das heutzutage gar nicht so selten. Auch der FC Bayern verpflichtete zu Saisonbeginn 2017/18 den 14-jährigen Torben Rhein und die Brüder Nemanja und Nikola Motika, 14 und 13 Jahre alt, alle drei von Hertha BSC. Zwar war das Trio angeblich an die Berliner gebunden, aber die Bayern zweifelten die Verträge an. Vermutlich zu Recht, doch um weiteres Aufsehen zu vermeiden, zahlten sie eine niedrige sechsstellige Ablöse.