Wie krass die Jagd nach Talenten geworden ist

»Wenn die Spieler gesund bleiben, refinanziert sich alles.«

»Man kennt den Zielverein schon und nutzt die Zeit hier sinnvoll«, mag Huemerlehner nur Vorteile erkennen. Dabei sichert sich Chelsea einen Spieler, den der Klub vor dem 16. Geburtstag gar nicht hätte verpflichten dürfen. Den Londonern droht wegen ähnlicher Verstöße eine Transfersperre. Huemerlehner prahlte in der Jugendszene zudem damit, dass er allein durch das Handgeld des Abramowitsch-Klubs ausgesorgt habe. Im Gespräch sagt er dazu nichts, erzählt aber, dass er inzwischen »zwölf Burschen« betreut. Angeblich lässt er ihnen viel individuelle Ausbildung angedeihen: »Aber wenn die Spieler gesund bleiben, refinanziert sich alles.« Ausnahmetalent Thierno Ballo hat er schon einen Ausrüstervertrag verschafft, »der bei Adidas die absolute Benchmark setzt«.

Geparkte Spieler, windige Transfers, fragwürdige Abhängigkeitsverhältnisse

Geparkte Spieler, windige Transfers und fragwürdige Abhängigkeitsverhältnisse sind nicht der Normalfall in der deutschen Nachwuchsausbildung. Aber viele Trainer und Betreuer schauen mit Sorge auf die zunehmend überdrehte Jagd auf Talente. Lars Ricken hat die Veränderungen am eigenen Leib erfahren. Als er mit 14 Jahren in Dortmund von der kleinen Eintracht zur großen Borussia wechselte, wäre es eine absurde Vorstellung gewesen, dass der Klub in seiner Nachwuchsabteilung mal festangestellte Psychologen und Pädagogen, Athletik- und Torwarttrainer beschäftigen würde. »Damals war es ein Highlight, auf Rasen zu trainieren, heute haben wir beheizbare Kunstrasenplätze«, sagt Ricken. 

Seit 2008 leitet er die Nachwuchsarbeit des BVB. Sein Büro liegt in der Geschäftsstelle des Klubs auf der gleichen Etage wie die Sportdirektion von Michael Zorc. Kein Zufall, die Jugendarbeit ist identitätsbildend für die Borussia. 13 Meisterschaften in der A- und B-Jugend, nur der VfB Stuttgart holte mehr Titel. Doch wichtiger als die Trophäen ist, dass Jugendspieler in der Bundesliga ankommen. »Es ist sehr wichtig, dass bei uns Dortmunder Jungs spielen«, sagt Ricken. »Dortmunder Jungs« müssen nicht einmal unbedingt aus dem Pott kommen, auch ein Magdeburger wie Marcel Schmelzer fällt in diese Kategorie oder sogar ein Amerikaner wie Christian Pulisic, der vor drei Jahren als 16-Jähriger kam. 

21 Millionen Euro für einen 16-Jährigen

Für Ricken wird der Wettbewerb um die besten Talente inzwischen international ausgetragen. »Dazu haben wir auch unseren Teil beigetragen«, gibt er zu. Nicht nur durch die Verpflichtung von Pulisic, sondern auch die des Dänen Jakob Bruun Larsen. Den holte Ricken vor drei Jahren für 175 000 Euro von Lyngby BK. Inzwischen sind solche internationalen Transfers längst zum Standard geworden. Der FC Bayern sicherte sich vor der vergangenen Saison den 16-jährigen Joshua Zirkzee aus Holland, den gleichaltrigen Luxemburger Ryan Johansson und für 700 000 Euro den Südkoreaner Wooyeong Jeong. Der Hamburger SV holte ein finnisches Toptalent und einen Ungarn aus der Jugend von Ferencvaros Budapest, der VfL Wolfsburg zwei 16-jährige Österreicher, die TSG Hoffenheim einen gerade 16 Jahre alt gewordenen Belgier sowie einen Finnen und einen 15-jährigen Luxemburger. 

Auch durch die finanzstarke Konkurrenz aus England steigen die Preise. Der Wechsel von Mads Bidstrup (16), der im Winter vom FC Kopenhagen nach Leipzig kam und den Ricken sportlich ähnlich stark wie Bruun Larsen einschätzt, kostete schon zwei Millionen Euro. Für den gleichaltrigen Portugiesen Umaro Embalo von Benfica Lissabon wäre Leipzig sogar bereit gewesen, 16 Millionen Euro zu bezahlen. Der Transfer scheiterte im letzten Moment, wäre aber nicht einmal ein Rekord gewesen, denn der AS Monaco überwies an den FC Genua 21 Millionen Euro für den italienischen Stürmer Pietro Pellegri, der im März 17 Jahre alt wird. 

163 Millionen Euro pro Saison für den Nachwuchs

Insgesamt wird der Aufwand größer: 163 Millionen Euro haben die Klubs der ersten und zweiten Bundesliga in der letzten Saison in ihren Nachwuchs investiert, in den letzten zehn Jahren hat sich der finanzielle Aufwand mehr als verdoppelt. Ein Klub wie Augsburg gibt pro Saison dafür rund drei Millionen Euro aus, in Mainz sind es vier und beim 1. FC Köln 7,5 Millionen Euro. Bei Klubs wie Schalke 04, RB Leipzig, Borussia Dortmund, Wolfsburg oder Leverkusen ist es noch mal das Doppelte und liegt damit auf dem Niveau der Profietats besserer Zweitligisten. 

Doch inzwischen steht die drängende Frage im Raum, ob die Rechnung noch aufgeht. »Ich frage mich manchmal, ob ich meinem Vorstand nicht vorschlagen soll, unser Nachwuchsleistungszentrum zu schließen«, sagt Volker Kersting. »Dann melden wir uns in der Kreisliga an und stellen nach dem Spiel einen Kasten Bier in die Mitte.« Das ist natürlich etwas kokett, Kersting ist viel zu passioniert bei der Sache. Aber er benennt das Problem: Wenn die großen Klubs den kleinen ihre besten Talente wegholen, lohnt sich der finanzielle Aufwand nicht mehr. In England schloss der Zweitligist FC Brentford aus dem Süden Londons bereits seine erfolgreiche Akademie. Juniorennationalspieler hatten den Verein für weit unter 50 000 Euro Ablöse verlassen. Inzwischen betreibt Brentford erfolgreich ein B-Team mit jungen Spielern, die bei den großen Klubs aussortiert wurden.