Wie krass die Jagd nach Talenten geworden ist

Traumfabrik

Immer jüngere Talente, immer höhere Ablösen, immer mehr Berater: Die Jagd nach Talenten ist ein schmutziges Geschäft geworden. Immer mehr Verantwortliche schlagen Alarm.

Nikita Teryoshin
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Die letzte Bastion der Unschuld liegt in Dessau. Genauer in der »Anhalt Arena«, einem Multifunktionsbau mit Wellblechcharme, wo jedes Jahr im Spätwinter der »Allianz Cup« ausgetragen wird. Am Samstagmorgen spazieren Eltern mit ihren aufgeregten Kids an der Hand durch ein Industriegebiet auf die Halle zu, in der schon Kirmestechno aus den Boxen dröhnt. Sonst spielt hier der Dessau-Rosslauer HV in der zweiten Handballbundesliga, doch heute ist die Crème de la Crème des deutschen Fußballs gekommen: Bayern, Dortmund und neun weitere Erstligisten, dazu Tottenham Hotspur und der FC Chelsea aus der Premier League – alle vertreten durch ihre U11-Mannschaften. 

Auf dem Spielfeld wirken die Zehn- und Elfjährigen in den Trikots großer Vereine nicht nur wie Miniaturausgaben bekannter Profikicker, sondern werden auch so behandelt. Kinder bitten sie ehrfurchtsvoll darum, Autogramme auf Trikots zu kritzeln und bestaunen anschließend die Unterschriften von »Jussef«, »David« und »Lubo«. Ansonsten aber unterscheidet sich die Fußballidylle nicht von all den anderen Hallenturnieren für Kinder und Jugendliche überall in Deutschland. Auf den Rängen feuern Eltern während des Spiels ihre Kinder an oder reichen in den Pausen eingetupperte Frikadellen. Jugendtrainer geben dem Nachwuchs letzte Anweisungen, halten die Kinder bei Laune oder trösten weinende Jungs nach Niederlagen. In Dessau ist die Welt noch in Ordnung. 

Und doch herrscht hier nur die Ruhe vor dem Sturm. Das sagen alle an diesem Wochenende: Trainer, Betreuer und Eltern.

Die Welt des Jugendfußballs ist in Aufruhr. Nicht weil schlecht gearbeitet würde. Im Gegenteil: Die deutsche Nachwuchsarbeit gilt weltweit als vorbildlich. 366 DFB-Stützpunkte, 54 Nachwuchsleistungszentren der Klubs, Hunderte von Trainern, Tausende von Spielern. Spieler aus dem Jugendfußball kommen fast umweglos in der Bundesliga zum Einsatz. In der Saison 2017/18 sind Jan-Fiete Arp beim Hamburger SV, der Herthaner Arne Maier oder Denis Geiger in Hoffenheim die gefeierten Rookies. In den letzten zehn Jahren entfielen 25,9 Prozent der Spielminuten auf Spieler, die auch noch in der U23 spielen konnten. Davon träumen andere Länder: In der Premier League waren es nur 15,4 Prozent, in Italien 16,3 und in Spanien 18,4. 

»Der Markt ist völlig außer Rand und Band.« 

Und doch reden alle von einer Krise und der dunklen Seite der Erfolgsgeschichte. Am deutlichsten formuliert es der, der schon am längsten dabei ist. Volker Kersting leitet seit 26 Jahren die Jugendabteilung des 1. FSV Mainz 05. Nationalspieler wie André Schürrle oder Erik Durm wurden dort ausgebildet, Thomas Tuchel und Sandro Schwarz bekamen hier das Rüstzeug für ihre Trainerkarrieren. Doch derzeit ist Kersting wütend. »Ich weiß nicht mehr, ob es noch um die Ausbildung von Spielern geht oder nur noch ums Geschäft«, sagt er. »Der Markt ist völlig außer Rand und Band.« Er muss Eltern warnen, dass ihre Kinder via Facebook oder Instagram von Beratern bedrängt werden. Klubs jagen sich gegenseitig Zwölfjährige ab. 15-Jährige bekommen inzwischen fürs Kicken monatlich mehr als ein Facharbeiter und werden behandelt wie Aktien, in die man investiert. »Wir erleben den Maximalkapitalismus des Jugendfußballs«, sagt Kersting. 

Da ist zum Beispiel Thierno Ballo, der gerade seinen 16. Geburtstag gefeiert hat und von Viktoria Köln zum FC Chelsea gewechselt ist. Geboren wurde er in der Elfenbeinküste. Sein Vater floh von dort nach Österreich und holte seine Frau und den vier Jahre alten Thierno nach. Dessen Talent entdeckte auf einem Sportplatz in Linz der IT-Unternehmer und Jugendtrainer in der Kreisklasse Peter Huemerlehner.

Er brachte den Jungen erst zum Linzer ASK, vor fünf Jahren wechselte der damals Elfjährige dann zu Bayer Leverkusen. Internationale Vereinswechsel sind in diesem Alter nicht erlaubt, doch inzwischen war Huemerlehner Ballos Vormund geworden und siedelte angeblich aus beruflichen Gründen ins Rheinland um. Thiernos Mutter war auch dabei. »Sie war als Haushälterin beschäftigt, wir haben ihr Gelegenheit gegeben, etwas Geld zu verdienen«, sagt Huemerlehner. 

Hausverbot für den Berater

Überraschenderweise meldete er den Jungen dann 2015 bei Bayer Leverkusen ab. Heute hat er dort Hausverbot. Stattdessen steckte er Ballo in die Jugend des Regionalligisten Viktoria Köln, nachdem er ihn auch dem 1. FC Köln angeboten hatte. Huemerlehner wollte pro Saison sogar 50 000 Euro mitbringen, bezahlen würde Chelsea. Dafür müsste der Klub nur einverstanden sein, dass Ballo regelmäßig zu Testspielen seines zukünftigen Arbeitgebers nach England reist. Der 1. FC Köln lehnte ab, Viktoria nicht.