Wie Kosovo die EM-Qualifikation aufmischt

Wie Kosovo zur EM kommen könnte

10. Juni: Es war die 92. Minute in Sofia, als Elbasan Rashani in den Strafraum rannte. Spielstand: 2-2 gegen Bulgarien. Und Kosovos letzter Angriff lief. Eine Flanke von der linken Seite. Rashani, so schien es, hielt einfach mal den Kopf hin. Doch der Ball war platziert, entgegen der Laufrichtung des bulgarischen Keepers - mitten ins Tor. 3:2! Die Kosovaren feierten kurz darauf den ersten Sieg in dieser EM-Qualifikation, am Wochenende gegen Tschechien folgte der zweite Sieg. Weshalb Kosovo nun vor den Tschechen in der Tabelle und auf dem zweiten Platz rangiert. Heute Abend treffen sie im St. Mary's Stadion von Southampton auf Tabellenführer England. Die Sensation scheint nah.


Denn seit 15 Spielen ist Kosovo nun ungeschlagen. Kein anderes europäisches Land kann diese Bilanz aktuell aufweisen. Das liegt zwar auch an den Gegnern. Burkina Faso, Aserbaidschan und Malta gehören nicht zur Elite des internationalen Fußballs. Aber es liegt eben auch am Modus der neugeschaffenen und sich gerade dem Ende zuneigenden Nations League. Dort traf Kosovo, als neuer Uefa-Verband, in der League D Gruppe 3 auf die schwächsten Mannschaften Europas und wurde Gruppensieger.

Zweite Chance

Sollte das Team von Bernard Challandes im März 2020 gegen die übrigen Gruppensieger Georgien, Weißrussland und Nordmazedonien gewinnen, wären sie automatisch im Sommer für die EM qualifiziert.

Zu erwarten war das nicht. Als Kosovo erstmals in einem Fifa-Pflichtspiel auftrat, spielte die Mannschaft 1:1 gegen Finnland. Doch die übrigen neun der zehn Spiele zur WM-Qualifikation gingen teils haushoch verloren. Trainer Albert Bunjaki wurde zum ersten gefeuerten Nationaltrainer. Dann übernahm der Schweizer Challandes.

127. Platz in der Weltrangliste

Angeheuert worden war er von Fadil Vokrri, dem weinenden Präsidenten, kurz bevor jener an einem Herzinfarkt starb. »In der Schweiz leben 200.000 Kosovaren - das hat mich gereizt«, erklärte Challandes. Auch wenn er mit der Mentalität erst einmal klarkommen müsse. Denn für die Kosovaren, so der Coach, zähle nur die EM. »Wenn ich höre, wir müssen jetzt zur EM, dann muss ich die Euphorie bremsen und daran erinnern, wer wir sind. Was haben wir gewonnen? Wo sind wir im Fifa-Ranking?«

Dort ist Kosovo auf Platz 127. Zwischen Togo und Malawi - noch so Fußballzwerge. Damit sich das ändert, braucht Challandes einen neuen Typus Spieler. Genauer: Verteidiger. »Hier gibt es keine Verteidiger. Für einen Kosovaren ist das nicht interessant. Das ist ihre Mentalität. Jeder junge Spieler, der mir angeboten wird, ist ein Offensivspieler. Jeder!« Ein Konflikt, den es noch zu lösen gilt. Das mit den Eiern ist ja klar. Der Becher sieht vor, dass die spitze Seite geschlagen wird.