Wie Klub und Anhänger um die Gentrifizierung ihrer Heimat streiten

Kampf um Millwall

Das Stadion soll Neubauten weichen, Investoren greifen nach dem Klub. Ein Biotop des Arbeiterfußballs und der harten Typen ist zunehmend bedroht. Doch Millwall wehrt sich.

Sebastian Wells
Heft: #
195

»Fuck you, I’m Millwall!« Roy Larner trank an diesem Junitag gerade ein Bier im »Black and Blue«, einem Restaurant nahe der London Bridge, als drei Männer durch die Tür stürmten und die Gäste sofort mit Macheten zu attackieren begannen. Larner, ein 47-jähriger Millwall-Fan, reagierte schnell. Er sprang aus seinem Stuhl, rief den Namen jenes kleinen, widerborstigen Zweitligisten und ging mit bloßen Händen auf die Angreifer los, die sich später als IS-Terroristen herausstellten. Larner bekam acht Stiche ab, verließ das Restaurant trotzdem auf zwei Beinen – und sah noch, wie die Polizei die drei Attentäter erschoss.


In den Wochen danach wurde Larner so etwas wie ein Volksheld. Man nannte ihn den »Löwen der London Bridge«, ein Verweis auf das Maskottchen des FC Millwall, und lud ihn ein, seine Wunden in Fernsehshows zu präsentieren. Sein Schlachtruf »Fuck you, I’m Millwall!« wurde zu einem Twitter-Hashtag, zu einem Inbegriff für Widerstand und am Ende sogar zu einer Modelinie.

Blutdürstiger Fanatiker gegen Gotteskrieger


Acht Menschen starben an jenem Abend im Zentrum Londons, doch es gehört eben zu den Merkmalen der Briten, dass sie ihren Sinn für schwarzen Humor bewahren. In diesem Fall war es die Vorstellung, dass Terroristen auf Millwall treffen, als der vielleicht absurdeste Zusammenprall von Kulturen, den man sich vorstellen kann. In der einen Ecke: blutdürstige Fanatiker, vor denen die Menschen zittern. In der anderen: die Gotteskrieger des IS. Einen kurzen Moment lang war der FC Millwall, der gerne als größter kleiner Klub der Welt bezeichnet wird, fast schon angesagt.


Doch dabei konnte es nicht lange bleiben, schließlich haben wir es hier mit Millwall zu tun. Und so tauchte, kurz nachdem darüber gesprochen wurde, dass Larner eine Tapferkeitsmedaille bekommen sollte, im Internet ein altes Video auf, das ihn dabei zu zeigen scheint, wie er sich auf hässliche Art mit einem Passanten anlegt. Die Nation war geradezu beruhigt, sie konnte zum Normalzustand zurückkehren. In dem werden die Anhänger des FC Millwall gleichermaßen gegeißelt wie heimlich fetischisiert. Es sind Fans, die sich zur Arbeiterklasse ebenso bekennen wie zu dem harten Viertel, aus dem sie kommen. Eine Art verlorener urbaner Stamm.

Kleines, dreckiges Geheimnis


Im englischen Bewusstsein nimmt Millwall heute einen seltsamen Platz ein. Hört man den Namen des Klubs, entsteht gleich das Bild des klassischen glatzköpfigen Hooligans und wird mit fast so etwas wie Nostalgie betrachtet. Auf seine eigene Art ist Millwall ein Teil der englischen Popkultur geworden, wie Teds, Punks oder Mods – eine weitere Jugendkultur aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


»Millwall ist das kleine, dreckige Geheimnis des Fußballs«, sagt Mickey Simpson vom Dachverband der Millwall-Fans. Er stammt aus dem Stadtteil Bermondsey, der Heimat des Klubs, wohnt aber inzwischen mit seiner jungen Familie in Kent, was ein durchaus typischer Weg für Millwall-Anhänger und andere weiße Süd-Londoner aus der Arbeiterklasse ist. »Jeder hasst uns oder redet darüber, dass er es tut. Aber wir sind auch ihr heimliches Laster, denn insgeheim wollen alle Fans wie Millwall-Fans sein. Manchester United, Liverpool – all diese Fans wünschen sich doch, dass es bei ihrem Klub eine Stimmung gibt, wie Millwall sie schafft.« Ob das stimmt, sei mal dahingestellt, denn Millwall gilt nach wie vor als Synonym für Gewalt im Fußball und für das, was einst »die englische Krankheit« genannt wurde.