Wie Kleinkinder zu Superstars hochgejubelt werden

Wozu die gnadenlose Überhöhung eigentlich führt

Tempi passati, heute wird längst nicht mehr nach Nachfolgern für den feisten Diego gesucht, stattdessen finden sich plötzlich überall auf der Welt und sogar beim Hamburger SV sogenannte »Mini-Messis«, junge Wiedergänger des großen Lionels. Ein Etikett, das inzwischen freihändig an jeden Spieler vergeben wird, der körperlich nicht gerade dem begehbaren Kleiderschrank Jan Koller nacheifert und sich in irgendeiner Kneipenliga schon mal durch die Abwehrreihen getankt hat. Als der Deutsch-Argentinier Nicolas Sessa bei der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart ein paar holzbeinige Regionalligakicker verladen hatte, ejakulierte die »Stuttgarter Zeitung« gleich mal: »Jetzt hat auch der VfB Stuttgart seinen Messi«. Genauso übrigens wie der FSV Mainz 05, in dessen Reihen in der Saison 2016/17 plötzlich ebenfalls Messi auflief, allerdings unter dem Namen Bojan Krkic, der nach einem halben Jahr auch schon wieder weg war. Ebenfalls bei den Messi-Allstars dabei: Tottenhams 18-jähriger Mittelfeldmann Marcus Edwards, der Argentinier Maximiliano Romero von Velez Sarsfield und der inzwischen nach Las Palmas verklappte HSV-Einkauf Alen Halilovic, der sich immerhin noch die Mühe gemacht hatte, sich die Haare ähnlich nachlässig in die Stirn zu kämmen und so ausdrucksarm in die Kamera zu linsen wie der große Lionel.

Vom Kreißsaal ins Trainingszentrum

Und schon mal was von Claudio Gabriel Nancufil gehört? Der Bursche ist in den argentinischen Anden aufgewachsen und firmierte deshalb, klarer Fall, als »Schnee-Messi«, als 2014 all die großen Klubs wie Real Madrid und Barcelona auf ihn aufmerksam wurden. Die Vereine hatten keine Zeit zu verlieren, der Claudio war nämlich damals schon acht Jahre alt, also quasi ein fertiger Fußballer. Und es wird die Zeit kommen, wo werdende Väter auf der Wartebank vorm Kreißsaal keinen Platz mehr finden werden, weil dort schon die Scouts der großen Klubs ungeduldig auf die Geburt des nächsten Lionel-Epigonen warten.

Die Hysterie, mit der inzwischen jede Verpflichtung im Nachwuchsbereich verkündet wird, hat übrigens längst auch auf den Amateurbereich übergegriffen. Genauso wie ehrgeizige Eltern ihre Kinder schon für hochbegabt halten, wenn diese den Dreisatz einigermaßen unfallfrei anwenden können, und dann nur mit Mühe davon abgehalten werden können, den Spross gleich mal in der Schnellläuferklasse des Elitegymnasiums anzumelden, halten Nachwuchstrainer manche ihrer Schützlinge allzu schnell für Jahrhunderttalente. Nun ist kein Jugendlicher schon ein Kandidat für die Startelf bei den Bayern, bloß weil er mal im D-Jugend-Training zwei O-beinige Mitspieler getunnelt hat. Weil aber jeder Jugendtrainer davon träumt, später mal als begnadeter Talentscout und legendärer Entdecker gewürdigt zu werden, prophezeien sie auch jungen Burschen große Karrieren, deren Talent und Wille erkennbar mal so knapp für die Kreisauswahl reichen: »Du wirst mal ein ganz Großer«, raunen sie den Kickern zu, und es wurde tatsächlich schon in Elternchatgruppen mäßig ambitionierter Berliner D-Jugendmannschaften ernsthaft darüber diskutiert, wie viele der Kinder wohl den Sprung in den Profibereich schaffen. Die richtige Antwort (»keiner«) wurde jedoch nicht erwähnt.

Mega-Juwel statt einfach nur Juwel

Ein Schicksal übrigens, das auch manchem vermeintlichen Ausnahmetalent nicht erspart bleiben wird, das derzeit mit viel Pomp und Gewese von Profiklubs verpflichtet wird. In der Bundesliga kommt man sich inzwischen oft vor wie im Schmuckgeschäft. Denn derzeit tummeln sich allein im deutschen Profifußball mehr Juwelen als im Diadem von Queen Elizabeth. Nehmen die großen Klubs heutzutage einen jungen Spieler unter Vertrag, ist das nicht mehr ein hoffnungsvolles Talent, ein aussichtsreicher Nachwuchskicker, sondern immer gleich ein »Juwel«, selbst wenn es sich bei manchem Jungkicker eher um Katzengold handelt. So inflationär wird der Begriff inzwischen gebraucht, dass es längst eine Steigerungsform gibt. Als der BVB in diesem Sommer das 17-jährige Talent Jadon Sancho von Manchester City nach Dortmund lotste und dafür spektakuläre acht Millionen Euro auf den Tisch legte, brauchte es dafür eine sinnhafte Begründung. Also war der ein wenig verschüchtert in die Kamera grienende Sancho nicht einfach nur ein »Juwel«, sondern gleich mal, na klar, ein »Mega-Juwel«.

Dabei ist ja ganz offensichtlich, wozu die gnadenlose Überhöhung der jungen Kicker führt. Dazu nämlich, dass sie mit völlig unrealistischen Erwartungen konfrontiert werden und alsbald als Flop und Fehleinkauf gehandelt werden, wenn sie nicht schon mit 15 Jahren den Sprung in die Profielf schaffen. Man nehme nur das unschöne Beispiel des zwölfjährigen Dortmunders Youssoufa Moukoko. Der spielt derzeit bereits in der Dortmunder B-Jugend und schießt dort Tore am Fließband, ohne den zweiten Vornamen »Wunderkindq wird er in den Zeitungen nie erwähnt. Weil seine Statur aber eher an einen 16-Jährigen erinnert, wird der Junge zugleich seit Monaten über den Boulevard gehetzt, ganz so, als handele es sich um einen abgefeimten Trickbetrüger und Hütchenspieler. Wo Wunderkind draufsteht, muss halt auch Wunderkind drin sein.

Zur Leihe nach Swansea

Beim FC Bayern zum Beispiel. Da haben sie vor der Saison schnell Renato Sanches leihweise nach Swansea vermittelt. Das »frühreife Wunderkind« (»Augsburger Allgemeine«) war dann doch nicht so durchgestartet wie gedacht. War eben nur ein Talent und kein Ausnahmetalent. Nur ein Juwel und kein Mega-Juwel. Welche Enttäuschung.