Wie Katar mit seinen Gastarbeitern umgeht

Rückzug in eine bittere Lebenswelt

Laut »Deutschlandfunk« schuften zwei Millionen Arbeitsmigranten aus Afrika, Fern- und Nahost für die glitzernden Prestigebauten aus Glas, Stahl und Beton. Das sind rund 80 Prozent der katarischen Bevölkerung, versteckt in entlegenen Barackensiedlungen, auf dass Franz Beckenbauer guten Gewissens behaupten durfte, er habe in Katar keinen einzigen Sklaven gesehen. Natürlich hat er keinen gesehen in den angenehmen heruntergekühlten Hotels und Restaurants und Bars. Aber was anderes sind die Männer wie Kenneth aus Ghana und Paul aus Kenia, Padam aus Nepal und Umesh aus Indien? Wer als Vertragsarbeiter nach Katar kommt, gibt bei der Einreise alle bürgerlichen Rechte auf. Er kann seinen Job weder wechseln noch kündigen, darf vor Ablauf seines Vertrages nicht das Land verlassen, die Aufenthaltserlaubnis unterliegt der Kontrolle des Arbeitgebers, in Kenneths Fall die Gulf Construction Company, kurz GCC. Einmal blendet die Kamera in eine Krankenbaracke, die wie das Paradies erscheint, weil sie mit einem Mini-Fernseher und einem Kühlschrank ausgestattet ist. Einer kuriert gerade einen Messerstich aus. Der Angreifer sei ein netter Kerl gewesen, er wollte nur nach Hause. Deswegen die Messerstiche, damit ihn die GCC an die Polizei überstellt und die ihn zurück nach Bangladesh schickt.

Eine Woche lang Training

Es ist der Fußball, der den Arbeitern für ein paar Stunden so etwas wie Würde gibt. Für die Spieler auf dem Rasen und ihre Kollegen auf den Tribünen, sie tanzen und lachen und singen, ja entwickeln sogar so etwas wie eine Corporate Identitiy, mit dem selbst gedichteten Song: »We are the great GCC!« Für ein paar Wochen fühlen sie sich wichtig und ernst genommen. Etwa wenn sie vom mitfiebernden Manager verlangen: »Boss, wir müssen mehr trainieren!« - »Wie lange?« - »Eine Woche!« - »Was? Eine ganze Woche?«, aber dann gibt er doch sein Okay. Ein Angestellter rechnet stolz vor, dass der Gulf Construction Company durch das Turnier Arbeitsstunden im Wert von 27500 Dollar verloren gehen, aber das ist ein buchhalterischer Wert und entspricht keineswegs dem Geld, das die Arbeiter tatsächlich verdienen.

Da ist der Nepalese Padam, der über Jahre eine Fernbeziehung führt. Als Bauzeichner zählt er zu den besser Verdienenden, aber er müsste schon auf 2750 Dollar im Monat kommen, um seine Frau nachholen zu dürfen. Padam bringt es auf 400 Dollar, doppelt so viel wie die ungelernten Arbeiter Kenneth oder Paul. Als sie mit ihrer Mannschaft das Halbfinale des Workers Cups erreichen, finden sie daheim in ihrer Baracke einen Briefumschlag mit Shopping-Vouchers über 100 Rial, umgerechnet 27 Dollar, aber wie sollen sie diese Prämie verjubeln? Das Betreten der Shopping Malls ist den Arbeitern während der Öffnungszeiten verboten. »Wir dürfen nicht stören«, sagt der Inder Umesh. »Für uns gibt es keinen Grund, hier irgendwo hinzugehen.«

Ohne Hoffnung

Der Regisseur Adam Sobel verbiegt sich nicht im Bemühen, seinem Publikum eine Hoffnung machende Geschichte vorzugaukeln. Er mag auch den Fußball nicht als Ausweg preisen, allenfalls dient er den Arbeitern als kurzzeitige Ablenkung. Es kommt kein Scout nach Katar, um Kenneth zu beobachten, stolz mit der Kapitänsbinde am Arm und der Nummer 10 auf dem Rücken. Für seine Mannschaft ist im Halbfinale Schluss. Auf dem Rückweg singt keiner mehr. Draußen rauschen die in den blauen Himmel ragenden Türme vorbei, die Prestigeobjekte aus Stahl, Glas und Beton, hochgezogen von denen, die nicht dazugehören. »Es ging nie um die Arbeiter«, sagt der Mannschaftsbetreuer Sebastian aus dem Off. »Die Company will Aufträge bekommen, Gebäude und Straßen bauen. Aber ich hoffe, dass die Jungs nicht nur als Arbeiter angesehen wurden, sondern auch als Fußballspieler.«

Doch schon am nächsten Tag ist der Fußball weit weg und der Alltag erscheint ihnen unerträglicher denn je. Die multinationale Mannschaft zerfällt. »Du hast gesagt, ich gehöre in den Wald, weil ich schwarz bin!« - »Das war ein Witz!« - »Nein, das war kein Witz!« Kenneth legt ein Tuch über seine Augen, niemand soll seine Tränen sehen. Der Betreuer mischt sich ein, er hält eine kurze Rede über das verfluchte Leben in der Gefangenschaft der Arbeitsverträge: »Es sind die weißen Leute, die das viele Geld haben. Sie nutzen uns aus. Wir haben Rechte, wir sind keine Sklaven!« Und: »Bemüht euch bitte, gute Menschen zu sein!«

Er guckt in schweigende Gesichter.

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Die 15. Auflage des internationalen Fußballfilm-Festivals 11mm gastiert vom 22. bis 26. März im Kino Babylon in Berlin Mitte. 11FREUNE präsentiert das Festival. »The Workers Cup« läuft am Donnerstag um 19.30 im großen Saal und am Freitag zur gleichen Zeit in Kino 2.