Wie kann man Fan von Göttingen 05 sein?

»Sag doch Arschloch!«

Warum wird ein normaler Mensch Fan von Arminia Hannover, Bayern Hof oder Göttingen 05? In Ausgabe #155 gingen wir dieser Frage nach. Hier kommt die Göttinger Antwort.

Florian Müller
Heft: #
155

Die größtmögliche Demütigung in der eigenen Stadt? Wenn Fans von Göttingen 05 in ihrer schwarz-gelben Kluft durch die Straßen laufen, werden sie oft genug angesprochen: »Ach, wie geht’s denn so beim BVB?« Danke der Nachfrage, und eigentlich ist keine Gewalt ja auch keine Lösung. Aber vielleicht ist das auch alles kein Wunder, wenn die großen Erfolge so lange zurückliegen, ach: wenn sie im Grunde nie wirklich da waren, im globalen Maßstab gesehen.

»Fooligans« – Ziel: rechte Hools verarschen

Immerhin: Vier Jahre lang hat der 1. SC Göttingen 05 in der zweiten Bundesliga gespielt, damals in den seligen Siebzigern. Leider ist Philipp Rösener da noch nicht ins Stadion gegangen. Dabei gehört er mit seinen 47 Jahren zu den älteren Herrschaften in der Göttinger Fanszene. Erstmals reingeschnuppert hat er in den frühen Neunzigern, und wie vieles in seinem Leben hatte das etwas mit Politik zu tun. Es war die Hochzeit der rechtsextremen FAP, die das Göttinger Jahn-Stadion zur Nachwuchsrekrutierung missbrauchte, was eine spaßguerillaähnliche Gegenbewegung namens »Fooligans« zur Folge hatte, Ziel: massive Verarschung der rechten Hool-Gruppen. So haben sie die dumpfen Stiernacken nach und nach aus dem Stadion bekommen.

Göttingens Fanszene gilt seither als explizit links, und Rösener – Redskin, tätowiert, Ska-Freund, Bürgerfunker – ist heute einer ihrer markantesten Köpfe. »Die Möglichkeit, selbst etwas zu gestalten, ist bei so einem Klub natürlich größer als bei irgendeinem Bundesligisten«, sagt er. Der »Fanraum«, jugendzentrumsähnlicher Treffpunkt der 05-Anhänger, ist am Samstagabend solide gefüllt. Die Fanszene besteht zum einen aus Leuten wie Rösener, die alles mitgemacht haben: Krisen, Insolvenz, Löschung aus dem Vereinsregister, Neugründung, Fusion, zarter Aufbruch. Und dem Nachwuchs, Ultra-Style, der erst seit ein paar Jahren dabei ist. »Alte Säcke und junges Gemüse«, sagt Rösener. Die einen könnten die Väter der anderen sein, und in einem Fall ist das auch so. Gibt es einen Generationenkonflikt? »Eigentlich nicht, weil wir eine starke politische Basis haben.«