Wie Irans Frauen in die Fußballstadien drängen

Rolle rückwärts

Im Iran durften am Dienstag erstmals Frauen ein Fußballspiel besuchen. Doch sofort ruderte das Regime zurück: Die Ungerechtigkeit soll auch zukünftig bestehen. Wie lange lassen sich die iranischen Fans das noch gefallen?

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Es scheint vorerst ein kurzes Vergnügen gewesen zu sein. Am Mittwoch vermeldeten iranische Medien, dass es Frauen in der Islamischen Republik auch zukünftig nicht gestattet sein wird, Männerfußballspiele zu besuchen. »Es ist nicht Teil unseres Rechtssystems, dass Sportoffizielle einen Rahmen für Sünden in der Gesellschaft bieten«, sagte Generalstaatsanwalt Mohammad Jafar Montazeri gegenüber der Nachrichtenagentur »Isna«. Und er erläuterte: »Wenn eine Frau ins Stadion geht und halbnackte Männer in Sportkleidung sieht, passiert Sünde.«

Das ist – so bizarr es auch klingen mag – seit vielen Jahren die herrschende Lehrmeinung der iranischen Politik. Seit der »Islamischen Revolution« 1979 gilt, dass Frauen der Zutritt zu Männerfußballspielen verwehrt wird. 1981 soll zum bis dato letzten Mal eine größere Anzahl iranischer Frauen einem Fußballspiel beigewohnt haben. 37 Jahre lang war das Stadion seither eine urmännliche Bastion. Dabei gibt es nicht einmal ein ordentliches Gesetz, das den Spielbesuch für Frauen verbietet. Das Gebot begründet sich vielmehr in einer über die Jahre verfestigten und von den Verantwortlichen niemals hinterfragten Praxis.

Freiheit für 100 Frauen

Und dann schien die merkwürdig offiziöse Regelung in dieser Woche doch zu kippen. Am Dienstagabend traf »Team Melli« – das kommt dem persischen Wort für Nationalteam nahe und ist der Spitzname der iranischen Landesauswahl – in einem Freundschaftsspiel auf Bolivien. Wenige Stunden vor Anpfiff wurde die große Nachricht verkündet: Einige ausgewählte Frauen erhielten die Möglichkeit, das Spiel im Teheraner Azadi-Stadion – zu deutsch: Freiheits-Stadion – anzusehen.

Sara von der Kampagne »Open Stadiums« konnte sich darüber allerdings nur wenig freuen. Sie berichtet: »Den Nationalspielern wurde gesagt, dass sie ihre Familienmitglieder anrufen und sie zum Spiel einladen dürfen. Alle Frauen im Stadion stammten aus den Familien oder dem Frauen-Nationalteam. Oder sie waren beim Fußballverband beschäftigt.« Andere weibliche Fans durften nach wie vor nicht ins Stadion. Obendrein war es auch den rund 100 anwesenden Frauen nicht gestattet, sich unter die übrigen Zuschauer im halbleeren Nationalstadion zu mischen. Sie mussten gemeinsam anreisen und wurden in einem eigenen Block separiert.

Im Geheimen für offene Stadien

So hatten sich das die Aktivistinnen der Kampagne »Open Stadiums« nicht vorgestellt. Seit 2006 existiert die Gruppe weiblicher Fußballhänger, die ihren Status als Fans zweiter Klasse nicht länger hinnehmen will. Ihr erklärtes Ziel: Zutritt für alle Frauen in iranischen Stadien. Damit ecken sie natürlich an. Engagierte Kritiker der gegebenen Verhältnisse werden vom iranischen Regime nicht gerne gesehen – und schon gar keine Frauen. Die Öffentlichkeitsarbeit von »Open Stadiums« wird aus diesem Grund stets im Geheimen organisiert. Und auch die Mitglieder müssen sich schützen: Sara heißt deshalb in Wahrheit anders.

Vom Protest vor Ort lassen sich die Frauen dennoch nicht abhalten. Sara erzählt: »Einige ganz gewöhnliche Frauen, darunter auch meine Freundinnen, gingen zum Stadion, als sie die Neuigkeiten erfuhren. Doch die Securitys sagten ihnen, sie können nicht rein und sie sollen nach Hause gehen, anstatt vor den Stadiontoren zu warten. Dann gab es eine verbale Auseinandersetzung.«

Eines zumindest hat die Kampagne also bereits erreicht: Sie hat den weiblichen Fans eine Stimme gegeben – sowohl vor den iranischen Stadien als auch in der internationalen Öffentlichkeit. Zunehmend bekannter ist die Situation der Frauen in den vergangenen Monaten geworden. Aus aller Welt trudeln in schöner Regelmäßigkeit Solidaritätsbekundungen bei den Aktivistinnen von »Open Stadiums« ein. Dazu hat nicht zuletzt die letzte Weltmeisterschaft beigetragen. Auch in Russland protestierten iranische Frauen und männliche Unterstützer gegen das für die Hälfte der Bevölkerung geltende Stadionverbot. »#NoBan4Women« war die Losung, die bei den Spielen von »Team Melli« auf Plakaten iranischer Anhänger stand.