Wie ich mich in Kevin Prince Boateng täuschte

Der Volltreffer

Als die Eintracht Prince Boateng verpflichtete, hielt unser Autor das für eine schlechte Idee. Zu Boatengs 31. Geburtstag ist es an der Zeit, Sorry zu sagen.

imago

Der Fußball ist ja durchaus auch eine Geschichte der Missverständnisse. Man denkt, Deutschland sei nach der WM 1990 auf Jahre hin unschlagbar. Zehn Jahre später liegt der deutsche Fußball brach. Man denkt, ein Klub wie Leicester City könne niemals Meister werden. Dann werden sie es eben doch. Man denkt, ein Star wie Kevin Prince Boateng würde dem Mittelklasseklub, dem man anhängt, nicht gut tun. Und dann? 

Als Eintracht Frankfurt im Sommer kurz vor knapp den Transfer von Kevin Prince Boateng eintütete, hielt ich diesen Transfer ganz offen gesprochen für schlecht. Boateng, dachte ich, würde mit seinen kolportierten Starallüren, mit seinem Egoismus, mit seinem extrovertieren Wesen das Mannschaftsgefüge des sowieso fragilen Frankfurter Gebildes gehörig durcheinanderwirbeln. Ich dachte an Autospiegel, an Halstattoos, an zu teure Lamborghinis. Wie sollte so einer nach Frankfurt passen, wo man mangels finanzieller Möglichkeiten mehr als anderswo auf eine intakte Mannschaft angewiesen ist, in der der eine für den anderen rennt. 

Ohne Boateng wäre der Eintracht-Aufschwung nicht möglich gewesen

Aber so ist das eben mit Missverständnissen: Oft sind sie Ergebnis falscher Informationen, dummen Klischees und der Unfähigkeit, diese zu hinterfragen, selbst dann, wenn man sich beruflich mit dem Fußball und seinen Protagonisten auseinandersetzt. Denn der erstaunliche Aufschwung der Eintracht, ihre Wandlung in dieser Saison, hat zwar viele Namen und Gesichter – Kovac, Wolf, Haller –, ohne Boateng aber wäre er in dieser Form nicht möglich gewesen. 

Da wäre einerseits seine sportliche Klasse. Boateng ist der Motor, verteilt die Bälle, bestimmt den Takt, schießt Tore und bereitet sie vor. Ich kann mich an keinen Spieler im Trikot der Eintracht erinnern, der derart ballsicher war und über ein ähnliches Spielverständnis verfügte. Muss das Spiel schnell gemacht werden, macht er es schnell. Braucht das Team Ruhe, tritt er auf den Ball. Falsche Entscheidungen auf dem Platz, so scheint es, sind dem Mann völlig fremd. Auch deshalb folgen ihm die anderen, vor allem die jungen Spieler, sie schauen in der Kabine zu ihm auf, ohne dass er auf sie herabschaute. Was auch daran liegt, dass sich Boateng nicht zu schade ist, sich auf dem Platz die Hände schmutzig zu machen und genauso viel zu ackern wie das restliche Team auch.

Sein Verdienst geht über das rein Sportliche hinaus

Sein eigentlicher Verdienst geht allerdings über das rein Sportliche hinaus. Boateng hat einem Klub, der zwei Jahrzehnte lang im mausgrauen Dornröschenschlaf lag, wieder Kontur gegeben. Einerseits, na klar, durch seine schillernde Persönlichkeit (wann hatte Frankfurt zuletzt einen Star?) und die sportlichen Erfolge, die sich mit ihm derzeit einstellen. Andererseits dadurch, dass er sich auch zu Themen abseits des Fußballplatzes äußert und dabei eine gute Figur macht. Erst vor wenigen Monaten gab Boateng ein viel beachtetes Interview, in dem er sich sehr persönlich zum Thema Rassismus äußerte und besorgt und kämpferisch zugleich die Erfolge und Rethorik der AfD thematisierte. »Ich war geschockt«, sagte Boateng kurz nach der Bundestagswahl zum Abschneiden der AfD. »Wenn dich so viele Menschen aus dem Land wünschen, bist du besorgt.« Boateng kämpft den Kampf gegen Rassismus seit Jahren. In einer Zeit, in der plötzlich wieder Rassisten im Bundestag sitzen, ist dieser Kampf wichtiger denn je. Und: Im multikulturellen Frankfurt fällt Boatens Engagement auf fruchtbaren Boden, wenig später zog Peter Fischer mit seiner Breitseite gegen die AfD nach. Geschadet hat das öffentliche Klare-Kante-Zeigen dem Klub nicht, eher im Gegenteil: Boateng wird von den Fans geliebt, Fischer wurde mit 99 Prozent der Stimmen wiedergewählt, der Klub knackte die Mitgliedermarke von 50.000. 

Sportlich steht die Eintracht wieder für etwas, nämlich für blaue Flecken beim Gegner und leidenschaftlichen und mittlerwiele auch erfolgreichen, manchmal sogar schönen Fußball. Darüber hinaus gibt es mittlerweile auch andere Gründe, den Verein zu mögen. Das ist auch der Verdienst von Kevin Prince Boateng, der heute 31. Jahre alt wird. Herzlichen Glückwunsch dazu und auf viele weitere Missverständnisse.