Wie ich einst eine Horde Liverpool-Fans bei mir schlafen ließ

»Es gibt ein Problem mit Ihrer Buchung«

Der dritte Anruf kam Anfang Mai.
»Uli? Dan.«
»Wie viele jetzt?«
»Fünfzehn.«
Er fügte schnell hinzu: »Wir nehmen auch Hotelzimmer, alles!«
Ich hängte mich also ans Telefon und versuchte, ein Hotel zu finden, in dem zwei Wochen vor dem Finale noch Zimmer zu kriegen waren. In Dortmund selbst war das hoffnungslos, aber schließlich hatte ich Glück in Witten.
»Dan? Hier ist Uli. Ich habe euch Zimmer gebucht, zehn Kilometer vom Stadion entfernt. Wir stecken acht Leute in das Hotel, die anderen sieben können bei uns pennen.«

Der vierte Anruf kam eine Woche vor dem Spiel.
»Hier ist das Hotel Georg in Witten. Es gibt ein Problem mit Ihrer Buchung.« Wie sich herausstellte, hatte die Polizei alle Hotels in Dortmund und Umgebung angerufen und sie davor gewarnt, Zimmer an Engländer zu vermieten. Ich musste der netten Dame am Telefon hoch und heilig versprechen, dass ich alle Gäste aus England persönlich kannte und dass es sich um hochanständige Leute handelte, die sich benehmen konnten. Ob das wirklich so war, wusste ich natürlich nicht, da ich keine Ahnung hatte, wen Dan da alles anschleppen würde.

McAllisters Akzent

Am Tag des Endspiels holte ich Dan und seine Kumpels am Bahnhof ab. Ich glaube, wir fuhren mit drei Autos, auch wenn ich nicht mehr genau sagen kann, wer am Steuer der anderen beiden saß. Die eine Hälfte der Truppe lieferten wir am Hotel ab, mit der anderen fuhr ich zu uns nach Hause, damit sie ihr Gepäck ablegen konnten, das eigentlich nur aus Schlafsäcken bestand. Dan bedankte sich für unsere Gastfreundschaft, indem er meinem Sohn ein mit »Owen« beflocktes Liverpool-Trikot schenkte. Dann kutschierte ich die Jungs zurück in die Stadt, damit sie sich warmsingen und -trinken konnten.

Damals schrieb ich öfter für eine überregionale Tageszeitung, deswegen sah ich eines der größten Europacupendspiele aller Zeiten nicht mit den am Ende etwa 20.000 Liverpoolern auf den normalen Tribünen, sondern vom Pressebereich aus. Anschließend ging ich zur Pressekonferenz, auf der die Simultanübersetzung ausfiel und die deutschen Reporter größte Schwierigkeiten mit dem Akzent des Schotten Gary McAllister hatten, dem »Man of the Match«. Als ich zu Hause ankam, war im ersten Stock alles dunkel. Die Liverpooler feierten noch in der Stadt.

Zwei Kannen Kaffee und viele Unbekannte

Am nächsten Morgen kochte ich zwei große Kannen Kaffee für die Engländer, dann trat ich hinaus in den Flur, um im ersten Stock nach dem Rechten zu sehen. Am Fuß der Treppe blieb ich stehen, weil eine mir völlig unbekannte Frau gerade runterkam.
»Hi!«, grüßte sie freundlich und verließ das Haus.
»Hallo«, konnte ich gerade noch sagen, da kam wieder jemand runter. Und noch jemand. Und noch jemand. Ich muss etwas dämlich ausgesehen haben, wie ich da mit zwei Kaffeekannen im Hausflur stand, während geradezu eine Prozession von Leuten an mir vorbeimarschierte, von denen ich die meisten noch nie im Leben gesehen hatte. Es war gut und gerne ein Dutzend. Ganz am Ende ging Dan.

»Dan, ich habe Kaffee für euch.«
»Oh, das ist nett«, sagte er heiser, »aber wir haben keine Zeit. Wir müssen die S-Bahn zum Hauptbahnhof kriegen.«
Er war schon fast draußen, als ich ihn fragte: »Dan, wo sind denn deine Kumpels von gestern geblieben?«
»Keine Ahnung, einige muss ich nach dem Spiel irgendwie verloren haben«, sagte er kleinlaut.
»Und wer waren all diese Leute gerade?«
»Tja«, antwortete er. »Das weiß ich eigentlich gar nicht. Ich habe die in der Stadt getroffen und sie haben gesagt, sie hätten keinen Schlafplatz. Da habe ich sie halt mitgenommen. War doch okay, oder?«

»Du kennst sie« 

Zwei Jahre später war ich in London, um die Redaktion eines Magazins namens »Champions« zu treffen, für das ich arbeiten sollte. Paul, der Boss, stellte mir die Truppe vor. Er begann mit der Chefredakteurin.
»Das ist Steph«, sagte Paul. »Du kennst sie.«
Ich gab Steph die Hand, runzelte aber die Stirn, um ihr zu zeigen, dass ich keine Ahnung hatte, wer sie war.
»Ich habe mal bei dir übernachtet«, sagte sie. »Ich bin Liverpool-Fan.«