Wie ich einst eine Horde Liverpool-Fans bei mir schlafen ließ

»Es gibt ein kleines Problem«

Weil alle Hotels in Kiev ausgebucht sind, öffnen ukrainische Fußballfans ihre Türen für Liverpool-Fans. Unserem Autor kommt diese Idee verdächtig bekannt vor.

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Der Anruf kam am Tag nach den Halbfinalspielen.
»Uli? Hier ist Dan. Wir kommen nach Dortmund. Kannst du uns Schlafplätze besorgen?«
Dan war ein Journalistenkollege, den ich einige Jahre zuvor kennen gelernt hatte. Vor allem aber war er ein riesiger Liverpool-Fan, deswegen sein Anruf. Das Datum war der 20. April 2001. Liverpool hatte gerade das Finale um den UEFA-Cup erreicht. Gegen Alavés. Im Dortmunder Westfalenstadion.
»Wie viele Leute seid ihr denn?«, fragte ich.
»Fünf.«
»Überhaupt kein Problem«, sagte ich. »Bei uns im Haus ist eine kleine Wohnung frei. Da stehen zwei Betten drin, und die anderen drei Leute können auf dem Fußboden im Wohnzimmer schlafen.«

Das erste Finale seit Heysel

In den Tagen nach unserem Gespräch brach in Liverpool eine unglaubliche Finalmanie aus. Der so ruhmreiche Klub stand zum ersten Mal seit dem Unglück im Heysel-Stadion von 1985 wieder in einem europäischen Endspiel, dazu in einem Land, das für die englischen Fans leicht zu erreichen war, und in einem Stadion, das als eines der besten auf der Welt galt. Dieses Stadion war aber auch ein Problem. Es fasste damals bei internationalen Spielen nur knapp 50.000 Zuschauer. Das Kartenkontingent für Liverpool lag also bei etwa 15.000 Stück. Viel zu wenig.

Der nächste Anruf kam eine Woche später.
»Uli? Hier ist noch mal Dan. Es gibt ein kleines Problem.«
»Was denn?«
»Wir sind jetzt nicht mehr fünf Leute«, sagte Dan, »sondern zehn.«
»Zehn?« Ich ging im Kopf den Grundriss der Wohnung über uns durch. »Das wird sehr, sehr eng, aber es kann reichen. Ihr liegt dann halt wie die Sardinen auf dem Boden.«
Dan versicherte mir, dass seine Kumpels und er damit klarkämen.
»Habt ihr denn alle Karten?«, fragte ich.
»Das sehen wir dann noch.«

Hinfahren und Lage checken

Diesen Ansatz – erst mal hinfahren und die Lage checken – wollten sehr viele Liverpooler verfolgen. Das wiederum löste Panik bei der Polizei aus. Für das Spiel galt ohnehin schon die Sicherheitsstufe eins, schließlich lagen die Tage der berüchtigten Hooligans von der Insel noch nicht lange zurück. Zum ersten Mal überhaupt gab es vor dem Westfalenstadion einen Sicherheitsring. Wer kein Ticket vorweisen konnte, kam nicht näher als 250 Meter ans Stadion heran, das von mehr als tausend Beamten gesichert wurde.

Die Polizei warnte die Liverpooler mehrfach davor, ohne Karte nach Dortmund zu reisen. Es würde keinen Schwarzmarkt geben. Außerdem würde kein Engländer in den Alavés-Block gelassen. (Das sollte sich im Nachhinein als besonders ärgerlich herausstellen, denn nur etwa 8.500 spanische – Entschuldigung, baskische – Zuschauer waren schließlich im Stadion. Die Restkarten des Alavés-Kontingents verfielen zu einem beachtlichen Teil.)

Frische Luft

Leider verstand man bei der Polizei nicht, dass die englischen Fans einfach nur ihrer Mannschaft nahe sein wollten. Denen war nämlich klar, dass viele von ihnen das Stadion nie von innen sehen würden, sondern das Spiel in einer Dortmunder Kneipe verfolgen mussten. Dan bat mich um einen Tipp und ich empfahl einen Irish Pub namens Limericks, weil der sehr geräumig war, eine Dachterrasse hatte und günstig lag – praktisch direkt am Hauptbahnhof. Als ich am Tag des Spiels mal sehen wollte, ob jemand meiner Empfehlung gefolgt war, kam ich nicht rein. Die Schlange von Liverpool-Fans vor dem Limericks war etwa zwanzig Meter lang. Nur wenn jemand an die frische Luft stolperte, wurde ein anderer eingelassen.