Wie Ibrahimovic Berlusconi hilft

Tore für die Mehrheit

Zlatan Ibrahimovic begeistert beim AC Milan. Dass der Schwede überhaupt zu den Rossoneri gelotst wurde, betrachten viele als Verdienst des Postfaschisten Gianfranco Fini. Auch 2010 sind Fußball und italienische Politik unzertrennlich. Wie Ibrahimovic Berlusconi hilft »Fußballklubs können sich den Regeln einer guten Verwaltung nicht entziehen. Sie müssen Ausgaben und Einnahmen in Einklang bringen und Verrücktheiten vermeiden. Ich hoffe, dass sich die finanzielle Lage bei Milan bald verbessert«. Eigentlich wollte Marina Berlusconi, Tochter des italienischen Ministerpräsidenten und damit irgendwie auch Oberaufseherin über den Haushalt des Mailänder Nobelklubs AC mit diesen Worten vor wenigen Monaten ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, dass auch in naher Zukunft weiterhin keine großen Spielerinvestitionen getätigt werden sollten, bevor der Verein sich nicht deutlich von seiner Schuldenlast befreit hätte. Hätte, wenn und aber.

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Fakt ist: Der AC Milan langte auf der Zielgraden der Transferperiode noch einmal richtig zu und stellte mit seinen Investitionen alle anderen Clubs der Serie A in den Schatten. Mit Zlatan Ibrahimovic und Robinho wurden zwei Schwergewichte des internationalen Fußballs verpflichtet, die zusammen deutlich über 40 Millionen Euro gekostet haben sollen. Zwar reicht man damit nicht an die Goldesel aus Madrid und Manchester heran, und doch hat Milans aggressives Transfergebaren europaweit für Aufsehen gesorgt. Vor allem ist es ein Bruch mit der Vereinspolitik der vergangenen Jahre.

Ein verführerischer Marketingschachzug

Jetzt mag man einwenden, dass ein solcher Strategiewechsel nicht ungewöhnlich im Profifußball ist. Überhaupt ist das Finanzgebaren der großen Vereine oft schwer nachvollziehbar und scheint komplexeren Bedingungen zu unterliegen, als der bloßen Verschuldungsquote. In Italien allerdings ist man ganz anderer Meinung. Der Medienexperte und aktuelle Programmdirektor des staatlichen Fernsehsenders Rai 4, Carlo Freccero, fasst das so prägnant wie überraschend zusammen: »Die Einkaufstour von Milan ist ein Zeichen dafür, dass bald gewählt wird. Spitzenfußballer zu kaufen ist ein sehr verführerischer Marketingschachzug, um verlorene Wähler wiederzugewinnen.«

Um das zu verstehen, ist ein kurzer Exkurs in die italienische Politik unausweichlich und  die wiederum – man wird es ahnen – ist unwiderruflich mit dem unvermeidlichen Silvio Berlusconi verknüpft. Dieser hat nämlich neuerdings nicht nur Probleme seine ständigen privaten Skandale in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen, sondern muss inzwischen auch um seine politische Macht fürchten, seit er mit seinem Koalitionspartner, dem Postfaschisten Gianfranco Fini, gebrochen hat. Der Ministerpräsident kommt ohne die Stimmen der Anhänger Finis im Abgeordnetenhaus nicht mehr auf die nötige Mehrheit.

Berlusconi hat die Vertrauensfrage gestellt. Schon wieder

Zuletzt hatte Berlusconi im Parlament die Vertrauensfrage gestellt. Die konnte er dieses Mal zwar noch gewinnen, doch sind Vertrauensfragen in der italienischen Politik in etwa so selten wie Trainerentlassungen in der Serie A (16 allein während der vergangenen Saison). Was wiederum bedeutet: Wahlen im kommenden Frühjahr sind so gut wie unausweichlich.


Dass der Cavaliere dabei jede Stimme braucht, mag ob des aktuellen Mehrheitsverhältnisses zwar einleuchten, doch können die Mailänder Tifosi tatsächlich so einfach manipuliert werden? Und handelt es sich bei den Fans, die ihr Kreuz auf dem Stimmzettel von den Investitionen der Rossoneri abhängig machen, überhaupt um eine ernstzunehmende Anzahl, für die sich eine solche Investition lohnen könnte?

Die Macht der Tifosi an den Urnen

Der Meinungsforscher Luigi Crespi ist sich dessen sicher. Bereits 2001 habe das eine Analyse gezeigt. Vor einigen Wochen dann hat Crespi sich erneut mit dem Zusammenhang von Transferpolitik und Urnengang beschäftigt, und siehe da: Er kommt zu einem beeindruckenden Ergebnis: Immerhin zwei Prozent aller Wähler lassen sich demnach auf diese Weise in ihrem Stimmverhalten beeinflussen. Auf nationaler Ebene wohlgemerkt. Zwei Prozent! Wenn man den Meinungsforschern Glauben schenken darf, entspricht das in etwa dem FDP-Ergebnis bei der nächsten Bundestagswahl.

Zweifel an Milans (und damit Berlusconis) plötzlicher Lust am öffentlichkeitswirksamen Fußballer-Zukauf sind also gestattet. Dass die Kritik nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine kleine Anekdote, die sich im Sommer  2009 ereignete. Im Mittelpunkt stand der Wechsel der Mailänder Identifikationsfigur Kakà zu Real Madrid. Dessen Bekanntgabe sollte im Sinne Berlusconis erst nach der Europawahl Anfang Juni erfolgen, doch war die Info schon Wochen vorher an die Öffentlichkeit gelangt. Das hatte Folgen: Einige tausend Stimmzettel im Raum Mailand wurden ungültig gemacht, weil statt eines Kreuzes nur ein Wort zu lesen war: Kakà.

»Am Ende ist die Ente fett«

Und doch bleibt zu hoffen, dass in Italien letztlich die Vernunft der Wähler siegt und andere Aspekte über die Stimmverteilung entscheiden. Ohnehin weichen Meinungsumfragen nicht selten vom tatsächlichen Ergebnis ab. »Am Ende ist die Ente fett« pflegte Alt-Kanzler Schröder dazu zu sagen. Außerdem steht man in Italien in bester Tradition eigentlich immer vor Neuwahlen. Aus dieser Perspektive sind die Mailänder Investitionen nichts weiter als zufällige Korrelationen.

Und wer trotzdem an eine Marketingstrategie Berlusconis glaubt und die vermeintliche Reinheit des Fußballs gefährdet sieht, der mag sich mit den Worten des italienischen Politikprofessors Giovanni Sartori trösten: »Letztlich kommt es darauf an, wie viele Tore sie machen.« Womit wir wieder beim Fußball wären.