Wie Hooligans Stone Island entdeckten

Kurvenmode

In den Achtzigerjahren entscheiden sich britische Hooligans gegen Trikots und für Designermode. Sie erschaffen einen Kleidungsstil, der heutzutage selbst André Breitenreiter jubeln lässt.

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Es ist spät am Abend, als Breitenreiter beide Arme in die Höhe reckt und die linke Faust in Richtung der Fans ballt. Ausdruck der Freude über den gerade eingefahrenen Heimsieg und die vorübergehende Tabellenführung seiner Mannschaft. Doch es gibt noch etwas, was, abgesehen von der sportlichen Leistung der 96er, auf den ersten Blick erstaunen mag: die Windrose. Sie ist Teil des Badges, das die Kleidungsstücke des italienischen Designerlabels Stone Island ziert. Und so sitzt sie auch auf dem linken Ärmel des Pullovers, den der Coach an jenem Abend trägt.

Es ist eine junge Entwicklung, dass Übungsleiter am Spielfeldrand Stücke von Stone Island tragen. Wurde die Geschichte des Labels doch seit ihrer Entstehung in den Achtzigerjahren vordergründig von der britischen, oftmals gewaltbereiten, Fankultur geprägt. Nun ist Breitenreiter längst nicht der erste Trainer, der bei der Auswahl seiner Abendgarderobe auf die Marke zurückgreift. Die Herren Jürgen Klopp, Pep Guardiola und Luis Enrique seien an dieser Stelle beispielhaft genannt. Auch sie haben sich in der Vergangenheit mehrfach dem Label mit dem schlichten wie einprägsamen Logo bedient. Wie kommt's?

Vom Laufsteg auf die Tribüne

Im Jahr 1982 gründet der italienische Modeschöpfer Massimo Osti das Label. Seinerzeit konnte er zwar nicht ahnen, welch großen Einfluss Fußballfans (und -trainer) aus aller Welt in den folgenden Jahren auf die Verkaufszahlen seiner Marke haben würden. Klar ist aber: er war jedem einzelnen von ihnen später dankbar.

Anfang der Achtzigerjahre sind es nämlich britische Hooligans, die beginnen, auf dieses und andere Label, wie Burberry oder Ellesse, zurückzugreifen. Anders als vorangegangene Generationen von Hooligans lehnen sie das Tragen von Trikots und anderen Fanartikeln ab; und bevorzugen Modelabels wie Stone Island. Die Überlegung dahinter ist einfach. Sie wollen vermeiden, von den Ordnungshütern auf die Schnelle als gewaltbereite Fußballfans entlarvt zu werden. Außerdem kreieren sie somit ihre ganz eigene Uniform und ein damit einhergehendes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Der gewünschte Effekt: es ist für sie ein Leichtes, Gleichgesinnte zu identifizieren – gleichzeitig fallen sie in der Öffentlichkeit weniger auf als zuvor. Zudem spricht aus Sicht der Hooligans die Robustheit der Kleidungsstücke für Stone Island. Denn viele Modelle, vor allem Mäntel und Jacken, verfügen über Stoffe, denen selbst Glasscherben nichts anhaben können – im Kampf gegen verfeindete Gruppierungen durchaus von Vorteil.

Inspirieren lassen sich die Hooligans von der »Paninaro-Bewegung«, die zur selben Zeit in Italien entsteht. Die Mitglieder dieser Subkultur, auch »Paninari« genannt, gelten als unpolitisch, und es ist nicht überliefert, dass sie besonders fußballbegeistert oder gewaltaffin waren. Umso mehr interessieren sie sich für Mode. Sie orientieren sich an Trends aus den USA, tragen aber auch Kleidung aus dem eigenen Land – nicht zuletzt: Produkte Massimo Ostis. Genau daran finden die britischen Fußballanhänger Gefallen. Wann immer sie nun ihre Teams zu Spielen nach Italien begleiten, bringen sie Kleidungsstücke ins Vereinigte Königreich mit, um sich auf den heimischen Tribünen von anderen Stadionbesuchern abzugrenzen.

Geburtsstunde der »Terracewear«

Diese Entwicklung hat zur Folge, dass der Begriff »Terracewear« (Brit.: terrace = Tribüne) geprägt wird. Hooligans in Designermode? Ab sofort keine Seltenheit mehr. Fortan werden sie auch als »Casuals« bezeichnet. Es dauert nicht lange, bis der Kleidungsstil gar auf den Leinwänden des Landes zu sehen ist: denn selbst in britischen Verfilmungen wie »The Firm« (1988) oder »Green Street Hooligans« (2005) treten die Akteure in Bekleidung von Burberry, Ellesse oder Stone Island auf. Fast unausweichlich führt dies dazu, dass »Terracewear«, gerade unter jungen Leuten, immer mehr an Popularität gewinnt.

Längst ist Stone Island auch hierzulande in den Fankurven angekommen. Der Zuordnung zu einer bestimmten Fangruppierung, geschweige denn -gesinnung, dient die Marke jedoch nicht mehr. Sie hat die breite Masse erreicht - auch jenseits der Fußballstadien. Und vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, dass inzwischen selbst die Trainer bedenkenlos zum italienischen Textil greifen.

Dennoch wird das Label auch in Zukunft fester Bestandteil der Fankultur bleiben - sei es allein aus Tradition. Und genauso wenig wie die Fans auf Stone Island verzichten werden, wird es das letzte Mal gewesen sein, dass ein Trainer am Spielfeldrand, die Windrose tragend, Grund zum Jubeln hat. In Liverpool, in Manchester - oder auch in Hannover.