Wie hört sich 12:12 an?

»Ich fand es grausam!«

Wie klingt diese Stille?
 
»Wie bei Gropiusstadt!«, sagt einer, der am Glühweinstand lehnt. Die NSF Gropiusstadt spielt in der Berliner Kreisliga B, Staffel 4. Auch da hört man die Rufe der Spieler, »Engmachen!«, »Foul!«, »Alter!«. Fans gibt es dort nicht.
 
Es läuft die sechste Minute. Im Wind Atemwölkchen. Die dicken Socken im Schrank vergessen. Der Gitanes-Mann hüpft auf und ab. Nicht nur die Ultras auf der Südtribüne schweigen, nicht nur die aktiven Fans. In der Alten Försterei schweigen alle. Die Gäste-Anhänger, das Gegengeraden-Publikum, die Zuschauer auf den Sitzplätzen. Aus der lauten Minderheit ist eine schweigende Mehrheit geworden. Zumindest in der Alten Försterei.

»Pssst!« – Ein Ton wie aus einer Bibliothek

Der Schiedsrichter pfeift eine Ecke für Union. »Hinein! Hinein! Hinein!« Das schreien sie hier normalerweise, doch dieses Mal bewegen die Anhänger nur ihre Lippen und strecken mit jedem imaginären Wort den Finger einmal nach vorne. Dann tritt Markus Karl kurz hinter der Mittellinie über den Ball. Ein Raunen legt sich über die Tribüne, sofort zischt es aus hundert Kehlen: »Pssst!« Ein Ton wie aus einer Bibliothek.
 
Als die 13. Minute anbricht, zählen die Fans einen Countdown. Danach explodiert das Stadion, die Berliner Fans entrollen auf der Südtribüne ein riesiges Union-Transparent, die FCK-Fans schwenken weiße und rote Flaggen. Die Rufe sind in der Köpenicker Altstadt zu hören, vielleicht noch hinterm Müggelsee. In der 43. Minute köpft Simon Terodde zum 1:0 ein. Wieder bebt die Alte Försterei. Der Glühwein kippt über die Fleece-Jacke, die Füße werden warm, sie tanzen den »FC-Union-Walzer«.

»Ich fand es grausam!«
 
In der Halbzeitpause halten die Ultras auf der Waldseite Banner hoch. Auf einem steht: »Die schweigende Masse hat alles gesagt. Für Fankultur und Sicherheit sind Dialoge gefragt.« Daneben kleinere Plakate, auf die sie Zitate gesprüht haben. Spieler und Trainer hatten sich nach den letzten Spielen zur Frage geäußert: »Wie klang die Stille?« Sebastian Kehls Antwort steht auf einem Banner: »Die ersten zwölf Minuten waren komisch.« Die von Frankfurt-Trainer Armin Veh auf einem anderen: »Ich fand es grausam.«