Wie Helge Leonhardt den FC Erzgebirge Aue lenkt

Glücksgriff Tedesco

Doch trotz des untergründigen Grollens, Helge Leonhardt steht zu Beginn der Saison stark da. Über Baustellenausfahrten geht es hinein in den Stadionneubau. Bald ist eine moderne Arena dort fertig, wo früher noch ein zugiges Stadion mit Laufbahn stand und viel improvisiert werden musste. Der Präsident schlendert durch den Rohbau der VIP-Loge, die am zweiten Spieltag eingeweiht werden soll, und legt begeistert die Hand auf die lederbezogenen Sitze, in die das Klubwappen eingestickt ist.

Genau an diesem Wappen schieden sich vor zwei Jahren die Geister. Der Vorstand hatte über Nacht ein neues Logo eingeführt. Reduziert auf wesentliche Strukturen und Farben. Mit Schlägel und Eisen im »Das neue Wappen ist unsere DNA. Wir sind uns sicher, dass Jung und Alt dieses Wappen voller Stolz annehmen werden«, hieß es. Nur hatten weder Jung noch Alt Lust dazu, ihre Gene verändern zu lassen. Das Wappen verschwand in der Schublade.

»Vorstand raus«

Was blieb, war das Banner mit der Aufschrift »Vorstand raus«. In roten Lettern hängt es bei jedem Spiel vor dem Block der Auer Ultras. Sie kritisieren die sportliche Inkompetenz im Vorstand, ihnen ist das zu hemdsärmelig und peinlich auf Kurs ins nächste Fettnäpfchen. Mit Geschäftsführer Michael Voigt führen sie zudem eine leidenschaftliche Dauerfehde über ein Logo, das Ultras entworfen und der Klub annektiert hatte.

Auch bei dem Plakat, so glaubt Leonhardt, seien »Minderheiten« am Werk. Das Banner ist ihm trotzdem ein Dorn im Auge. Immer wieder wurde es abgehängt, die Fans schmuggelten Kopien am eigenen Körper ins Stadion. »Denen darfst du keine Beachtung schenken«, sagt Leonhardt und lacht. Aber wer mit dem Plakat erwischt wurde, erhielt Stadionverbot. Viel Beachtung für Minderheiten, oder ist Leonhardt ein Falschverstandener? Er »Die Medien haben ja immer nur die ›Vorstand raus!‹-Plakate gezeigt. Nie die ›Wir danken euch‹-Schilder.«

Tedesco kannte das Catennacio

Das Handy klingelt. Co-Trainer Robin Lenk meldet sich aus dem Trainingslager in Österreich. Er erstattet Rapport. Dass der Rasen vorbildlich sei. Die Spieler ihre Zimmer schon bezogen hätten. Lenk fragt, wann Leonhardt anreist, um nach dem Rechten zu sehen. Es ist nicht zu verstehen, ob er ihn »Herr Leonhardt« nennt oder »Herr Präsident«. Er könnte auch »Hallo Schwiegerpapa« gesagt haben, schließlich ist Leonhardt der Vater seiner Freundin. Der Verein ist ein Familienunternehmen.

Allerdings hat Co-Trainer Lenk zuletzt unbestreitbar gute Arbeit geleistet. Nach der Entlassung von Aufstiegstrainer Dotchev war er Interimscoach und dann Assistent von Domenico Tedesco. Überhaupt Tedesco, er hat Helge Leonhardt tief beeindruckt. »Kennen Sie den Catenaccio?«, fragt er und wartet die Antwort gar nicht ab. »Der Tedesco kannte ihn. Wahnsinn. Der hat die Vergangenheit nicht vergessen, aber mit der Moderne verbunden. Das hat mir imponiert.«

»Nur da wird über Krieg und Frieden entschieden«

Ohne Tedesco wäre die Kritik am König im Auenland vermutlich noch größer und es würden noch mehr missliebige Transparente im Stadion hängen. Innerhalb von elf Wochen führte der junge Coach den Tabellenletzten zum Klassenerhalt und das nicht irgendwie glücklich, sondern begeisternd. Taktisch wurde in dieser Zeit vielleicht der beste Fußball der zweiten Bundesliga in Aue gespielt. Tedesco war auch so schlau, den Präsidenten einzubinden und ihm zu erklären, was er vorhabe und wie er gewinnen wolle. Als väterlich beschreibt Leonhardt den Umgang mit dem 31-Jährigen, der bald darauf das große Los zog. Inzwischen ist Domenico Tedesco Cheftrainer bei Schalke 04. Ehrlich, engagiert, hilfsbereit sind die Attribute, die er in der Rückschau für Leonhardt wählt. »Er hat mir den Rücken freigehalten und alles für mich getan.«

Wenn der Präsident an diese Zeit denkt, tragen ihn die Erinnerungen fast etwas weg: »Das war ein Hype, den hätte ich gerne noch länger gehabt.« Für ein paar Wochen war Aue Teil der großen Fußballwelt, und der Präsident durfte einem Trainer dabei zusehen, wie er schnell zu groß für sein Tal wurde. Mit dem sportlichen Erfolg wurde auch seinen Kritikern die Grundlage entzogen. Aber Helge Leonhardt behauptet, dass er sich nicht gerne mit der Vergangenheit beschäftige. Die Kritik, sagt er, habe er abgehakt, auch wenn er die Kritiker nie vergessen könne. Was zählt, ist die Gegenwart. »Denn nur da wird über Krieg und Frieden entschieden.«