Wie Heimir Hallgrimsson Island zur WM führte

Warum sich die Isländer mit ihrer Mannschaft identifizieren

Es ist eine Geschichte aus einer besseren Fußballwelt. Und dazu passend gibt es ein wunderbares Foto von der Europameisterschaft im letzten Jahr, aufgenommen nach dem Ausscheiden gegen Frankreich. Darauf stellt sich die gesamte Mannschaft zum Abschiedsfoto vor die Fans. Sie wenden sich den Anhängern aber nicht zu, sondern gemeinsam zum Fotografen, was ein viel stärkeres Zeichen ist. 30 000 Isländer waren zur Europameisterschaft gereist, ein Zehntel der Bevölkerung, und viele von ihnen haben persönliche Verbindungen zum Team. Auf den Tribünen jubelten und sangen Onkel und Neffen der Spieler, ehemalige Schullehrer und Jugendtrainer, Nachbarn und Freunde. Oder Freunde von Freunden. »Es gibt eine besondere Teilhabe an dieser Mannschaft«, sagt Hallgrimsson.

Duglegur und Grimmd

Die Isländer wurden in Frankreich nicht nur durch ihre Außenseitersiege so populär, sondern weil die meisten Fans auf der Welt von einer solchen Art der Teilhabe träumen. Aber niemand sollte die sympathischen Isländer als putzige Underdogs missverstehen. In der isländischen Nationalmannschaft sind fünf Werte festgelegt, an die sich alle halten müssen: Spaß sollen alle haben, fokussiert auf die Arbeit soll jeder sein und sich alle der Mannschaftsdisziplin unterwerfen. Für die letzten beiden Maximen gibt es nur isländische Worte. Duglegur beschreibt die Haltung, härter als alle anderen zu arbeiten. Grimmd bedeutet wörtlich übersetzt »Grausamkeit« und meint jene zähnefletschende Entschlossenheit, mit der sich Wikinger früher in Schlachten auf ihre Gegner stürzten. »Isländische Fußballspieler sind Kämpfer«, sagt der freundliche Heimir Hallgrimsson. Er scheut sich angesichts seiner Mannschaft nicht einmal, von »unserer Armee« zu sprechen. Island ist eines der wenigen Länder der Welt ohne Militär.

Hallgrimsson ist die Vorstellung zutiefst zuwider, dass seine Mannschaft in Frankreich ihr kleines Sommermärchen feiern durfte und der Zenit damit überschritten ist. Deshalb ringt er gerade mit dem Verband um professionellere Bedingungen. Der Betreuerstab soll vergrößert werden und die Logistik verbessert, denn bis heute reist das Team in der Economyklasse. »Das ist für Spieler großer Klubs teilweise demotivierend«, sagt er. Und das Nationalstadion mit seinen veralteten Kabinen nennt er »auf lächerliche Weise peinlich«. Es wirkt im ersten Moment fast erschreckend, wie scharf er werden kann. Mit diesem Wechsel der Tonlagen erinnert er ein wenig an Jürgen Klopp, vielleicht nicht zufällig sein Lieblingstrainer. Aber Hallgrimsson ist eben ein Mann mit Ambitionen, er will seine Mannschaft unbedingt zur WM nach Russland führen, auch wenn das schwer wird in einer Gruppe mit Kroatien, der Ukraine und der Türkei, aus der nur der Erste weiterkommt. Aber das wäre der größte Erfolg in der Geschichte des isländischen Fußballs. Im Moment steht Island auf Platz 20 der Fifa-Weltrangliste und hat 150 Länder hinter sich gelassen, die mehr Einwohner haben, inklusive USA und Südkorea, Holland und Österreich. Das hat etwas mit Fußballhallen zu tun und guter Talentförderung durch viele Trainer. Aber ganz entscheidend ist eine andere Kraft. Wenn Hallgrimsson darüber spricht, warum Menschen eigentlich Mannschaftssport betreiben, formuliert er keinen ganz neuen Gedanken. Aber dieser Gedanke offenbart eine besondere Wucht, nachdem man den Trainer auf seiner stürmischen Insel besucht hat, die auf der Spitze eines Vulkans im Nordmeer liegt.

Fußball ist Mannschaftssport

»Man macht Mannschaftssport, weil man zu etwas gehören will, das größer ist als man selbst. Und je stärker die Gruppe ist, desto mehr Energie produziert sie«, sagt Hallgrimsson also. Auf Heimaey kennen die Menschen dieses Energiegesetz seit gut tausend Jahren, als sie dort zu siedeln begannen. Nur wenn sie als Gruppe genug Energie produzierten, konnten sie die Unwirtlichkeit überleben. Die Fußballmannschaft von Vestmannaeyjar erinnert die Isländer seit über 100 Jahren daran, was Zusammenhalt ausmacht. Und Heimir Hallgrimsson brachte diese Energie in die Nationalmannschaft ein. So konnte jeder sehen, dass da oben nahe am Polarkreis keine finanzverwirrten Verrückten leben, sondern Leute, von denen die Fußballwelt etwas lernen kann.