Wie Heimir Hallgrimsson Island zur WM führte

Island, ein Land des Hallenfußballs

Danach wurde er verabredungsgemäß alleiniger Cheftrainer, doch anders als vielfach berichtet, arbeitet Hallgrimsson weiter als Zahnarzt. Einerseits macht er das, um seinen einzigen Kollegen auf der Insel zu entlasten. Und wenn er selbst nicht kann, holt er eine Vertretung von außerhalb. Schließlich sind das hier nicht einfach irgendwelche Patienten, es sind seine Leute. »Außerdem ist es für mich als Mensch gut, zwischen zwei Berufen zu wechseln«, sagt Hallgrimsson. Es hilft, vom Fußball abzuschalten, wenn er sich auf Zähne konzentrieren muss. Zum anderen war der Zahnarztstuhl immer eine gute Schule. »Die für mich als Trainer nützlichste Seite ist die psychologische Erfahrung.« Innerhalb eines Moments muss er entscheiden, wie er mit einem Patienten umgeht, mit Spielern sei das nicht anders.

Am Tag nach dem großen Sturm ist Hallgrimsson ausnahmsweise in die Hauptstadt geflogen. Auf dem Luftweg dauert der Trip nur eine halbe Stunde, aber den Luxus leistet er sich nicht oft. Die Fähre zu nehmen, so erklärt er, kostet nur ein Drittel. Nachmittags fährt er durch knirschenden Schnee zu einem Testspiel der U19-Nationalmannschaft. Als er den Wagen parkt, sagt er grinsend: »Das hier stammt aus der Zeit, als wir Isländer noch groß gedacht haben.« Die Fußballhalle von HK Kopavogur ist die größte des Landes, der ehemalige Barcelona-Star Eidur Gudjohnsen war einer der Investoren. Doch während der isländischen Bankenkrise von 2008 ging sein Konsortium pleite, heute gehört die Anlage der Stadt.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Um die Jahrtausendwende glaubten die Isländer, grenzenlos Kredite aufnehmen zu können. Eine gigantische Blase entstand, einer der Nebeneffekte war der Bau von elf großen Fußballhallen. Als die Bankenpleite kam, waren viele Isländer bankrott und das Land blamiert. Aber die Hallen blieben, und Islands Fußballer können heute das ganze Jahr über spielen. Außerdem hat der Fußballverband außergewöhnlich viele Trainer ausgebildet, so kommen in Island durchschnittlich 1500 Menschen auf einen Trainer mit einer A-Lizenz der Uefa. Im wahrlich mit Übungsleitern nicht unterversorgten Deutschland sind es 14 500 Menschen pro Trainer. Die Förderung junger Spieler ist also exzellent, und der Nachschub an Talenten reißt nicht ab. Früher gab es meist nur eine Handvoll Auslandsprofis, jetzt verdienen über 100 isländische Spieler ihr Geld im Ausland. Als Hallgrimsson auf der Tribüne der Fußballhalle Platz nimmt, wird um ihn herum fast nur Englisch gesprochen. Ein Dutzend Scouts aus England und von amerikanischen Universitäten sind auf der Suche nach jungen Spielern gekommen. »Wir mussten das Training der Juniorenteams teilweise schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen, weil die Spieler mehr für die Scouts als für die Mannschaft gespielt haben«, sagt Hallgrimsson. Er selber scoutet dann auch weiter und fährt zu einer anderen Fußballhalle. Am Rande der Hauptstadt spielt Meister FH Hafnarfjördur im Ligapokal gegen Vikingur Reykjavik. Hallgrimsson stellt sich auf die Seite, wo keine Zuschauer sind, um ungestört zuschauen zu können, er sucht einen Linksverteidiger.

Nachdem er genug gesehen hat, holt er seine Frau ab, die mit dem jüngeren Sohn nebenan auf der Bowlingbahn war. Als sie sich den Weg durch den Trubel des Samstagnachmittags bahnen, wo die einen zum Kinobesuch drängeln und die andere in der riesigen Pizzeria englischen Fußball schauen wollen, bleiben sie demonstrativ unbeachtet. Isländer verstehen sich als egalitär, da lassen sie sich doch nicht durch einen Fußballtrainer aus der Fassung bringen. Als sie ins Auto steigen, um nach Hause zu fahren, ist einer der beliebtesten Männer des Landes den ganzen Nachmittag über nur einmal um ein Foto gebeten worden, von einer Mutter mit zwei kleinen Jungs.

Keine Leaks

Dabei hat Heimir Hallgrimsson ein in der Welt nun wirklich einzigartiges Verhältnis zu den Fans der Nationalmannschaft. Vor viereinhalb Jahren begann er damit, vor Heimspielen in ihre Fankneipe zu kommen, wo sich die Tolfan, die Zwölf, warmtranken. Damals begann Islands Aufstieg in die Weltspitze gerade, Hallgrimsson war noch Assistenztrainer und wollte das noch nicht sonderlich enthusiastische Publikum etwas in Schwung bringen. Und von seiner Insel wusste er, dass er das im Zweifelsfall selber machen musste. Also erklärte er den Fans, wer spielen würde und was die Spielidee sei. Zum Schluss zeigte er das gleiche Motivationsvideo, das auch die Spieler zu sehen bekamen. »Sie haben es sogar meist fünf Minuten vor den Spielern gesehen.« Nach der Europameisterschaft hat Hallgrimsson überlegt, ob sich die Sache vielleicht totgelaufen habe. »Aber dann habe ich gedacht: Warum damit aufhören, anders zu sein?« Zumal sich alle Tolfan bis heute an die entscheidende Regel gehalten haben: Alle Informationen bleiben im Raum! Bis heute hat trotz der Verführungen sozialer Medien und allgegenwärtiger Smartphones niemand etwas geleaked. »Das zeigt den Respekt, den die Fans vor dieser Geste, vor der Mannschaft und mir haben«, sagt Hallgrimsson.