Wie Heimir Hallgrimsson Island zur WM führte

Wie sich Hallgrimsson in seinen Job verliebte

Nicht kleiner als die Passion für die Insel ist die für seinen Verein, die Iþrotta­bandalag, also Sportunion, Vestmannaeyja. Der IBV spielt im pittoresken Stadion Hasteinvöllur mit seiner winzigen Haupttribüne und hat eine Halle von der Größe einer Spielfeldhälfte. Mag es auch noch so stürmen, Hallgrimsson will sie gerne vorzeigen. Drinnen wird gerade nicht gekickt, dafür machen einige Senioren hier einen Spaziergang, während der Sturm übers Dach tost. Im Vereinsheim ist die Teeküche zugleich eine Art Hall of Fame des IBV. Pokale erinnern an die Erfolge des Klubs und Wimpel an Europapokalspiele gegen Carl Zeiss Jena, Borussia Mönchengladbach und Stuttgart. Daneben hängen die Fotos der größten Spieler. Asgeir Sigurvinsson, der fast ein Jahrzehnt für den FC Bayern und vor allem den VfB Stuttgart in der Bundesliga spielte und auch mal isländischer Nationaltrainer war, hat einen Ehrenplatz. Der langjährige Englandprofi Hermann Hreidarsson hängt neben Margret Lara Vidarsdottir, Islands fünffacher Fußballerin des Jahres.

Hallgrimsson erzählt stolz davon, wie gerade dieser Klub von der abgelegenen Insel zu jenen vier Vereinen gehörte, die 1912 den ersten isländischen Meister ausspielten. Dabei dauerte zu jener Zeit eine Reise nach Reykjavik drei Tage. Heute ist man im Winter mit der Fähre drei Stunden unterwegs und bis in die Hauptstadt noch mal eine Stunde auf Rädern. Im Sommer wird ein anderer Hafen angesteuert, da dauert das Übersetzen nur eine halbe Stunde, dafür braucht der Bus über zwei Stunden. Die Kicker von hier machen solche Trips fast jedes zweite Wochenende, wenn es zu Auswärtsspielen geht. Und auf Heimaey geboren zu sein, heißt beileibe nicht, immun gegen Seekrankheit zu sein. Selbst Hallgrimsson hat lange darunter gelitten und verzieht sich auf der Fähre immer gleich in eine Kabine im untersten Deck, wo man den Wellengang nicht so spürt.

Verliebt ins Coaching

»Es ist nicht für jeden etwas, in diesem Klub zu spielen«, sagt er. Man kommt sich auf dieser Insel und bei den langen Auswärtsfahrten näher, als mancher ertragen kann. Aber wem das nichts ausmacht, der spürt einen ungeheuren Teamgeist. Gegen IBV spielt niemand gerne, sie gelten als unangenehmer Gegner. »Isländer halten sich für härter als Europäer. Wir auf Heimaey halten uns für härter als die Isländer«, sagt Hallgrimsson ohne Ironie. Ist das macho? »Ja, klar ist es das.« Aber das gelte beileibe nicht nur für Männer, sondern auch für die Frauenteams von hier. Irgendwann werden sie Hallgrimsson bei IBV auch einen Platz in ihrer Hall of Fame geben müssen. Erst spielte er in den Juniorenmannschaften, hörte aber mit 17 Jahren zwischenzeitlich auf, weil er als Spätentwickler zum Kicken zu klein war. Er wurde Assistent des Jugendtrainers, und das war der Glücksfall seines Lebens. »Ich habe mich auf der Stelle ins Coaching verliebt.« 15 Jahre lang lebte er diese Liebe als Jugendtrainer aus. Er machte Trainerscheine und später in England die Ausbildung zum Fußballlehrer. Für fünf Jahre übernahm er das Frauenteam, gewann den isländischen Pokal und wurde Vizemeister. In den folgenden fünf Jahre führte er die Männer zurück in die erste Liga und anschließend dreimal in den Europapokal.

Er kommt also auf ein Vierteljahrhundert als Trainer bei IBV und das als Amateur, denn eigentlich ist er Zahnarzt, die Praxis ist unten in seinem Wohnhaus. Das bedeutet auch: Hallgrimsson hat als Trainer schon Sponsoren aufgetrieben und Jugendturniere organisiert. Er war sein eigener Videoanalyst und Teampsychologe. Er hat den Bus gefahren, Wäsche gewaschen und Beine massiert. Keine Aufgabe war zu klein, und stets musste er mit den Kickern klarkommen, die halt da waren. »Hier müssen wir unsere Spieler weiterentwickeln, und für mich geht es bei der Arbeit des Trainers genau darum.« Etliche Nachwuchsteams von IBV haben sogar isländische Meisterschaften gewonnen. Etwa die U10 mit Hallgrimssons älterem Sohn, trainiert von seiner Frau Iris, einer Fitnesstrainerin.

»Einen Monat lang haben wir Island glücklich gemacht«

2011 bat der isländische Verband Heimir Hallgrimsson zum Gespräch. Heute gibt er zu, dass er damals erwartet hatte, Nationaltrainer zu werden. So war es schließlich immer gewesen, die erfolgreichen Trainer der isländischen Liga wurden irgendwann Nationaltrainer. Und war IB Vestmannaeyja für den isländischen Fußball nicht das, was Island für den Weltfußball sein könnte? Zähe Außenseiter, die aus wenig ganz viel machen können. Doch im Nachhinein ist er froh, dass er zunächst nur Assistent von Lars Lagerbäck wurde. Der schwedische Routinier lehrte ihn nämlich, ein Nationalteam zu organisieren. 2013 wurde Hallgrimsson befördert und fortan waren sie gemeinsam für eine der größten Erfolgsgeschichten des Weltfußballs verantwortlich. Die Fußballnation mit so vielen Einwohner wie Bielefeld scheiterte 2014 in der Qualifikation zur WM in Brasilien noch knapp in den Playoffs an Kroatien. Zur Europameisterschaft 2016 fuhren sie als Sieger ihrer Qualifikationsgruppe, der Rest ist Legende. »Einen Monat lang haben wir Island glücklich gemacht«, sagt Hallgrimsson.