Wie Hamburg die Zweitliga-Premiere erlebte

Dann ändert sich alles

Nur was geschieht, wenn beim Fußball immer noch die Leistung auf dem Platz entscheidet, und nicht der Goodwill von Fans und Vorstand? In der Anfangsphase verstolpert der HSV Chancen in altbekannter Manier, Kiel gewinnt Oberwasser und lauert. Zur Halbzeit wäre eine Hamburger Führung noch nicht unverdient. Doch dann ändert sich alles. Trainer Titz wird später sagen, dass man das Kieler Angriffspressing überspielen wollte, und sich stattdessen im Klein-klein verlor. In den ersten drei Minuten der zweiten Halbzeit hat der Gast drei hochkarätige Chancen. Es deutet sich etwas an. Als die Fans kurz darauf erneut zum Aufstehen auffordern, bleiben Hoffmann und Gefolge sitzen, als ahnen sie bereits, was gleich geschehen wird. Kiel trifft!

Als lägen auf der Startbahn in die gute Zukunft meterhohe Trümmer

Am Ende steht es sogar 3:0. Natürlich war der Hamburger SV an diesem Abend individuell besser, auch taktisch innovativer, das sorgt für berechtige Hoffnung. Aber Kiel machte das, was viele Zweitligisten an einem Freitagabend in der zweiten Liga eben so tun: Rennen, ackern, und zwischendurch etwas Fußball spielen. Der HSV scheint davon überrumpelt, als lägen auf der Startbahn in die gute Zukunft meterhohe Trümmer. Und der Verein prallt, mal wieder, mit unnachahmlicher Präzision gegen jedes einzelne Hindernis.

Als Kiels David Kinsombi nach einem überlegten Querpass zum 2:0 trifft, stehen die Zuschauer hinter dem Hamburger Tor im Dutzend auf, drehen sich um, blicken nicht mehr zurück, verlassen das Stadion. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Als das 3:0 in der Nachspielzeit fällt, sind die meisten Sitzplätze schon leer, und wer noch sitzt, starrt in die Luft und sucht nach Antworten oder etwas Trost, als habe sich seit dem Abstieg nichts verändert. Nach Abpfiff spricht Lewis Holtby von Versagen, Trainer Titz verspricht eine schonungslose Analyse. Draußen am Stadiontor halten sich die Menschen fest, an Holsten Edel und Riesencurrywurst. Und es herrscht - ganz gute Laune.

»Ich dachte, in diesem Jahr ändert sich alles«

An der Unabsteigbar, der Kneipe nah am Stadion, die allein schon wegen ihres Namens aus der Zeit gefallen zu sein scheint, steht Ralf. »Ich dachte, in diesem Jahr ändert sich alles«, sagt er und trinkt einen Schluck. »Naja, war auch en’ bisschen naiv«, lacht er und die kleine Schaumkrone in seinen goldgelben Oberlippenbart wackelt. Auf dem Weg zur Bar, erzählt er, habe er ein Mädchen und seine Familie gesehen. Sie lag auf dem Boden, Kreislaufprobleme. Läge aber nicht am HSV, habe der Vater gelacht. Naja, immerhin. Ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Die Nacht ist warm, so selten für Hamburg, und im Hinterhof der Unabsteigbar tanzen Menschen, trinken oder freuen sich einfach nur, sich wiederzusehen.

Was geschieht, wenn sich Fans, Vorstand und Verein verbünden, weil sie den Glauben daran besitzen, dass jetzt alles besser wird? Was geschieht, wenn Fußball immer noch auf dem Platz entschieden wird, immer noch - wie abgegriffen das auch klingen mag - ein Ergebnissport ist? Und was geschieht, wenn das in der Nacht kaum noch jemanden, vor allem nicht die eigenen Fans, interessiert? Der HSV arbeitet eifrig an genau dieser Antwort.