Wie Hamburg die Zweitliga-Premiere erlebte

»Dieses Jahr wird alles anders«

Lewis Holtby und Jann-Fiete Arp sind die Namen, die derzeit am häufigsten auf die Trikots gedruckt werden. Ausgerechnet Arp. Jener Arp, der bei den Hamburgern als Versprechen für eine große Zukunft gilt, der in den Vorwochen aber eher durch Wechselgerüchte zu den Bayern auf sich aufmerksam machte, nun für ein weiteres Jahr unterschrieb und prompt in die U23 degradiert wurde. Ein Torschütze der Regionalliga, gefeiert von den Fans. Und ausgerechnet Holtby. Jener Holtby, der wie kein Zweiter die Fans in Hamburg polarisiert. Die einen halten ihn für den Anführer einen leidenschaftslosen Millionentruppe, die den Verein zu dem gemacht hat, was er ist: ein Zweitligist. Die anderen zollen ihm Respekt, weil er sich in der Endphase der vergangenen Saison glaubhaft reingehangen hatte. Nach Spielen mit den Ultras diskutierte. Mittlerweile als Gallionsfigur im Zweitligajahr gilt, die den HSV zurück nach oben leiten soll.

Holtby steht um 19.50 Uhr auf dem Platz im Volksparkstadion. Die berüchtigte, in Zeiten des Niedergangs fast arrogant anmutende Stadionuhr zählt nunmehr die Zeit seit Existenz des Vereins. Tradition seit 130 Jahren und ein paar Kaputte, eben. Rund um das Stadion ist von Veränderung wenig zu spüren. Auf der Schnackenburgallee, inmitten des Industriegebiets Stellingen, die von der S-Bahnstation Eidelstedt zum Stadion führt, macht sich wieder mal die Atmosphäre eines Straßenfestes breit. An den Gehwegen fließt das Holsten Edel, Riesencurrywürste - heute und eigentlich immer im Angebot! - gehen über die Theke und Autos parken wild am Seitenrand. Eine angenehme Stimmung. »Dieses Jahr wird alles anders«, sagt einer am Stand, der das Lasogga-Trikot des vorletzten Jahres trägt. »Der Titz«, stimmt ein anderer ein, »der weiß, was er tut. Der macht den Jungs schon Dampf.« Es herrscht Zuversicht, ein bisschen Euphorie. Aber irgendwie auch kein Unterschied zu all den anderen Jahren, als der HSV aus der Sommerpause kam und die Verantwortlichen beschworen, aus den Fehlern gelernt zu haben.

»Supporte, was du liebst«

Im Stadion haben die Ultras ein Banner aufgehangen. »Supporte, was du liebst«. Ist, was diese Menschen lieben, eigentlich der Fußball, der HSV oder nicht vielmehr das Drumherum, das in den meisten Fällen sogar ohne das Wort »Event« auskommt? Und natürlich, es kommt vor dem Anpfiff sogar etwas Gänsehaut auf. Als den Menschen auf der Nordkurve eine tribünengroße Choreographie zu entgleiten droht, ehe das Banner auf den letzten Tribünenreihen vor dem Rasen aufgefangen und wieder nach oben gezogen werden kann. »Dies ist die Geschichte eines Vereins, der fällt…« haben die Ultras auf ihr Transparent geschrieben, »aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung. Auf geht’s!« - Die abstürzende Choreographie, auf der die Eckdaten des Hamburger Niedergangs aufgemalt waren, als geplanter Akt. Der HSV, fast am Boden, von den Fans aufgefangen. Wichtig ist nur die Landung.

Die in diesem Moment am Mittelkreis des Volksparks beginnt. 20.30 Uhr am Freitagabend, der Hamburger SV ist Zweitligist. Beginnt stark, die Zuschauer gehen mit, die Mannschaft auch. Als die Kurve fordert, aufzustehen, wenn man Hamburger sei, springt Präsident Bernd Hoffmann wie auf Befehl auf. Er hat in den vergangenen Wochen auch den Vorsitz des Vorstands der Lizenzabteilung gewonnen, den Verein nach seinen Vorstellungen ausgerichtet. Er weiß, dass die Mär vom Dino hier niemand mehr hören kann. Aus dem Hamburger SV soll in der zweiten Liga etwas Neues entstehen. Und so steht er in der sechsten Minute dort, wie viele in der Ehrenloge, mit doppelt gesteiftem, weißen Hemdkragen und verbündet sich im Rhythmus des Klatschens mit den Fans auf der Nord, die sich ihrer Shirts längst entledigt haben. Ein letztes Signal, dass der Vorstand verstanden, und aus den Fehlern gelernt hat. »Steht auf, wenn ihr Hamburg seid.« Go-around wird ein Manöver von Piloten genannt, die im Landeanflug, kurz bevor sie den Boden erreichen, den Schub umkehren und durchstarten. Nicht der Fall ist wichtig, sondern die Landung, haben die Fans geschrieben. Aber dieser Verein will gar nicht den Eindruck erwecken dauerhaft in der zweiten Liga zu landen.