Wie Hamburg die Zweitliga-Premiere erlebte

Trümmer auf der Startbahn

Der Hamburger SV ist Zweitligist und hat zum Auftakt das Heimspiel gegen Holstein Kiel vergeigt. Die Fans hoffen trotzdem auf eine bessere Zukunft - mal wieder. Ein Lagebericht.

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Am Ende dieser Geschichte wird Lewis Holtby als Kapitän in den Katakomben des Volksparkstadions stehen und davon sprechen, dass der HSV im Kollektiv komplett versagt habe. Trainer Christian Titz wird eine schonungslose Analyse versprechen. Und Fans werden schweißgebadet und ratlos im Schatten der Arena stehen. Und mit den Schultern zucken. Aber bis dahin ist noch Zeit und Martin wartet auf seine Trikots.

Der Fanshop auf der Bergstraße galt über Jahre als erste Anlaufstelle für gemäßigte HSV-Fans, als der Internethandel noch nicht die Bestellung von Feuerzeug, Schnapsglas und Badeente mit HSV-Wappen möglich gemacht hatte. Natürlich, das hat sich gewandelt. Niemand gilt als unabsteigbar, nichts ist unbestellbar. Und trotzdem herrscht Stunden vor dem Spiel großer Andrang im kleinen Laden.

»Jedes Jahr kaufe ich alle Trikots«

Martin hat sich schon eingedeckt. Mit dem Heim-, Auswärts- und dem blauen Ausweichtrikot. Als spiele der HSV noch immer international. Der Verein wie Martin, der die drei Kleiderhaken fest in seiner Hand hält, für alles gerüstet. »Jedes Jahr kaufe ich alle Trikots«, sagt der 36-Jährige, der heute Abend am Rande der Nordkurve stehen wird, »das ist bei mir so Tradition.« Als hätte der Verein in den letzten Jahren nicht genügend Hinweise geliefert, dass es Zeit wäre, mit gewissen Tradition zu brechen.

Zwei Schlangen haben sich im Shop gebildet. Die eine Menschenkette wartet vor der Kasse. Die zweite vor der Beflockungsstation. Und genau dort wird es um 16.30 Uhr unruhig. »Wir müssen die Maschine abstellen«, sagt ein Mitarbeiter. Das Bügeleisen, mit dem die Namen auf die Trikots gepinnt werden, ist heißgelaufen. Nichts geht mehr, gerne morgen wiederkommen. »Verdammt«, sagt Martin, »ich brauch‘ die heute.« Am Stadion soll noch eine Druckmaschine funktionieren. Aus einem Lautsprecher plärrt die aufgeregte Stimme eines Flitzer-Blitzer-Radiohörers: »Auf der A7 geht gar nichts mehr! Du kommst nicht raus aus Hamburg, du kommst nicht rein!« Als hätte es noch einen letzten Beweises bedurft, dass sich diese Stadt wiedermal im Ausnahmezustand befindet.

Es geht weiter, auch in Liga 2, und wenn auch nur aus Tradition.

Über tausend Trikots hat allein der Shop in der Innenstadt am Freitag verkauft, hunderte bedruckt. Pervers, nennt das ein anderer Angestellter. Mit Blick auf die Preisschilder, 79.99 pro Hemd, ist es das wohl auch. Doch auch wenn der Verein nur einen Bruchteil des Erlöses behalten wird, ist jeder Kauf auch ein bisschen Statement. Es geht weiter, auch in Liga 2, und wenn auch nur aus Tradition.