Wie Gerd Müller zum »Bomber« wurde

Weltstar bei der WM 1970

Aber wer so viele Tore schießt, hat auf Dauer keine Chance. Irgendein findiger Musik-Produzent überzeugte Müller davon, eine erste Platte aufzunehmen – »Nur jetzt nicht weinen« und »Radada« floppten. Später polierte er mit »Da macht es bumm« und »Wenn das runde Leder wieder rollt« sein Image als Bundesliga-Barde wieder etwas auf. Trotz seiner Stoffeligkeit warb Müller schon Ende der Sechziger für einen TV-Hersteller, eine Uhrenmarke und einen Benzin-Produzenten. Die Wochenzeitung »Publik« beauftragte den renommierte Sportmediziner Professor Dr. Schoberth, das Phänomen Gerd Müller zu entschlüsseln. Erkenntnis: »Müller ist zu Bewegungsabläufen fähig, die die ihm noch auf engstem Raum Nutzen bringen, in Situationen also, wo sich andere längst eingesperrt fühlen.« Und: »Der berühmte Torriecher ist meist nichts anderes als unendlicher Eifer.«

»Dieses Uwe-Uwe geht mir auf die Nerven«

So viel Aufmerksamkeit gingen auch am »Oberbumser« (»Stern«) nicht spurlos vorbei. Schon im Vorfeld der WM 1970 in Mexiko zeigten sich erste Veränderungen im Wesen des gefeierten Angreifers. Um sein Kampfgewicht auf unter 80 Kilo zu drücken, änderte Müller seine Ernährung (»Bei mir zu Hause gibt es nur noch Fleisch mit Salat!«) und machte sich erstmals öffentlich Gedanken um sein Image. Obwohl er es war, der Deutschland mit seinen Toren erfolgreich durch die WM-Quali führte (»Müller müllert uns nach Mexiko!«), feierte das Volk lieber den Liebling der Massen aus Hamburg. Müller in der »Bild am Sonntag«: »Dieses Uwe-Uwe geht mir langsam auf die Nerven.« Bundestrainer Helmut Schön fand dafür die vielleicht sinnigste Erklärung: »Während Seeler spektakuläre Tore in jeder Lage erzielt, ist Müller ein Mann der kleinen Tore.«

Doch in den großen Momenten kennt der Fußball keine kleinen Tore. Er kennt nur Sieger und Verlierer. Gerd Müller wuchs bei der WM 1970 zu einem Weltstar heran. Im legendären Halbfinale gegen Italien (3:4) schoss er zwei seiner insgesamt zehn Turnier-Treffer. Sein 2:1 in der 95. Minute kommentierte Ernst Huberty damals treffend: »Meine Damen und Herren, wenn sie jemals ein echtes Müller-Tor gesehen haben, dann jetzt.« Müller knallte den Ball nicht in den Winkel, sein Ball berührte nicht mal das Netz! Ein kleines Tor? Eine große Leistung. In der 110. Minute traf Müller erneut, diesmal zum 3:3. Kopfballvorlage Seeler, Kopfballtor Müller. Deutschland schied zwar aus, aber die Wachablösung in der Sturmspitze war vollzogen. Uwe-Uwe beendete nach der WM seine Laufbahn als Nationalspieler, Gerd Müller übernahm seinen Platz. Und vollzog seine endgültige Wandlung zum »Bomber der Nation«.

Heute wird Gerd Müller 70 Jahre alt. Möge er unvergessen bleiben.