Wie Fußballfans auf Testspiel-Siege reagieren

Wir wollen blind sein

In diesem Gedankenmatsch steckt eigentlich alles, was das Fan-Dasein ausmacht. Die Hoffnung, dass irgendwann einmal alles besser wird. Oder so bleibt, wie es ist. Oder nicht mehr schlimmer werden kann. Die Liebe, die uns blind macht. Denn selbstverständlich ist der Flügelstürmer eine überbezahlte Pfeife. Aber hey, er spielt für unseren Klub, und das macht ihn automatisch zu einem besseren Menschen, zu einem talentierten Fußballer, auf den wir uns mit unseren Hoffnungen stützen können. Selbstverständlich auch die große Selbstlüge, ohne die wir längst nicht mehr als Fußballfans existieren könnten. Unser Klub wird von Geschäftsmännern geführt, die zur Not auch ihre eigene Großmutter verscheuern würden, um die Bilanzen aufzufrischen. Das Bier schmeckt scheiße. Die Bratwurst kostet vier Euro. Und die Spieler mit ihren Luxusgehältern, Luxusautos, Luxusfrauen und Luxusfreunden interessieren sich einen Dreck für das, was wir Liebe nennen.

Bei der WM ist alles noch viel schlimmer. Eigentlich sollten wir auf die Straße gehen und gegen den modernen Fußball demonstrieren, bis uns vor lauter empörten Schlachtrufen die Stimme wegbleibt. Stattdessen sind wir blind und taub und sprachlos und gehen trotzdem zum nächsten Spiel oder freuen uns beim Einzug ins WM-Finale einen Wolf.

Wie ein mieser Ehepartner

So sind wir und verstehen kann man das nicht, wenn man sein Herz nicht irgendwann dem Fußball geschenkt hat. Der geht damit um wie ein schlechter Ehepartner, von dem wir uns schon lange hätten scheiden lassen sollen. Meistens behandelt er uns wie ein Stück Dreck. Dann führt er uns doch schick zum Essen aus, oder macht uns einen wunderbares Geschenk. Wie einen 3:0-Testspielsieg gegen den FC Chelsea. Wenn wir ganz ehrlich zu uns wären, wüssten wir, dass dieser Sieg auf lange Sicht so wenig wert ist wie das schicke Abendessen. Dass der Sack, die blöde Kuh, uns nächste Woche wieder mit dem alten Schulfreund, der alten Schulfreundin betrügt. Dass wir nach zehn Spieltagen punktgleich mit dem FC Paderborn in den Abstiegsrängen verschimmeln.

Aber wir sind ja nicht ehrlich mit uns. Also zum Teufel mit der Wahrheit, mit einer sachlichen Einschätzung der aktuellen Situation! Unsere Beziehung ist großartig. Und wer den FC Chelsea versohlt, der kämpft in der kommenden Saison selbstverständlich um die Meisterschaft. Liebe macht blind. Und wir wollen der Realität ohnehin nicht ins Auge blicken.