Wie fühlt sich ein Derby auf dem Dorf an?

Hau ihn um!

Heute ist großer Derbytag in der Bundesliga. Aber auch in der Kreisklasse können Rivalitäten riesig sein. Erinnerungen an die Duelle zwischen Dorf und Nachbardorf.

Dirk Gieselmann
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Spezial 08

»Wir begrüßen unseren Gegner und unseren Schiedsrichter mit einem dreifachen Gut Sport!«, krakeelte unser Kapitän, diese kuriose Autoritätsperson weit vorm Stimmbruch, und wir anderen vom TuS St. Hülfe-Heede taten es ihm nach: »Gut Sport! Gut Sport! Gut Sport!«

Der schrille Ruf hallte wider, aus den unheimlichen Wäldern ringsum. Ein Fasan flatterte auf, irgendwo zog jemand eine Jalousie hoch. Sonntagsmorgens in der Norddeutschen Tiefebene. Ein Fußballplatz, moosbewachsen, teils morastig und zum letzten Mal abgekreidet kurz nach dem Krieg. Für uns aber war er das Maracanã. Feld unserer frühen Schlachten.

In der E-Jugend-Kreisklasse, Staffel Süd, spielten nicht nur Vereine gegeneinander, sondern gleich ganze Dörfer. Ihr Lokalpatriotismus war auf wenige Quadratkilometer beschränkt, eine Gemarkung aus ein paar Häusern und Feldern, dafür aber umso hitziger: Meckerrentner drohten vom Spielfeldrand aus mit ihren Regenschirmen, leere Haake-Beck-Flaschen flogen auf den Platz, Familienväter legten sich mit Unparteiischen an (die meistens durchaus parteiische Obmänner der Heimmannschaft waren), wurden von ihnen des Sportgeländes verwiesen und verbrachten den Rest des Spiels wutschnaubend in ihren Kombis.

Heede gegen Cornau, Heede gegen Wetschen, Heede gegen Lembruch, Heede gegen Lemförde, Heede gegen alle im Umkreis von 30 Kilometern: Das war der Antagonismus meiner Kindheit.

Wir sind wir, und das sind die anderen

Eigentlich waren all dies Vereine aus Bauerndörfern, die ein Zugereister nicht hätte unterscheiden können, hatten sie doch alle eine Kirche, einen Friedhof, eine Kneipe und Einwohner mit eng zusammenstehenden Augen. Bestimmt hatte es Konflikte gegeben, im 19. Jahrhundert, womöglich noch eher, um einen bei Nacht und Nebel illegal versetzten Grenzstein, ein gestohlenes Rind, eine nicht gezahlte Pacht. Aber was wussten wir Kinder von Erbsünde? Nichts. Uns reichte diese simple Definition eines Unterschieds: Wir sind wir, und das sind die anderen. Wie bei Cowboy und Indianer. Nur war es diesmal bitterer Ernst.

Gut Sport: Mit diesem immer gleichen Ritus begann das Spiel. Im Mittelkreis versammelten sich vierzehn Pimpfe, Sieben gegen Sieben, mehr gab so ein Dorf ja nicht her. Wir trugen Trikots in den Farben unseres Vereins, zu einheitlichen Hosen oder gar Stutzen hatte es nicht gereicht, sie waren buntgemischtes Privateigentum.

Aus unseren Augen, zwischen denen noch frühkindliche Stupsnasen saßen, sprach wilde Entschlossenheit: Bloß nicht noch mal 1:14 verlieren, wie in der Hinrunde. Diesmal wird es höchstens einstellig. »Haut dat Dingen ins Aus!«, lautete die Marschroute des Trainers, der nun an der Seitenlinie stand, sein Hartplastikköfferchen mit der fast leeren Eisspraydose und den benutzten Mullbinden neben sich, umringt von Eltern, mit denen er einigermaßen optimistisch zu lächeln versuchte.

»Musstu nix kucke, wo wachse die Blumken!«

Der Münzwurf, dann die Seitenwahl, hochstilisiert zur Vorentscheidung: zuerst gegen den Wind? Oder zuerst den Hang hinauf, die fünfprozentige Steigung des Platzes? Sogleich verteilten wir uns der taktischen Formation nach in unserer Hälfte, an mutigen Tagen im 3-2-1, an weniger mutigen im 6-0-0.

Dahinter der Torwart, der immer gleich mutig zu sein hatte und es so oft nicht war. Er träumte sich gern hinfort von den allzu wütenden Angriffen des Gegners. »Jun-gä«, rief einmal unser italienischer Co-Trainer. »Musstu nix kucke, wo wachse die Blumken! Musstu kucke, wo Ball!« Aber mein Gott, er war ja erst acht Jahre alt.