Wie Frankreich 1998 zum Weltmeister wurde

»Allez, les Bleus!«

In den Kabinen könnte die Stimmung nicht unterschiedlicher sein. Ronaldo lässt den Kopf hängen, er wirkt ausgepumpt, er wirkt müde. Mario Zagallo geht zu Edmundo. »Du kommst rein«, sagt der Trainer. Ausgewechselt wird: César Sampaio.

Kurz nach dem Wechsel kommt Ronaldo zu seiner einzigen nennenswerten Chance. Über Umwege gelangt der Ball nach einem Freistoß von Roberto Carlos zu ihm, geschickt lässt er seinen Gegenspieler aussteigen und zieht schräg vor dem Tor aus drei Metern Entfernung ab. Ein strammer Schuss, aber Barthez schafft es irgendwie, den Ball festzuhalten. Bedarf es noch mehr Symbolik, um die Unterlegenheit von Brasilien in diesem Finale zu verdeutlichen?

Das ändert sich auch nicht, als Frankreichs Abwehrhüne Marcel Desailly nach 68 Minuten mit Gelb-Rot vom Feld muss. Zehn Minuten später bringt Zagallo mit dem Dribbelkünstler Denilson einen weiteren Stümer. Leonardo muss für ihn vom Platz. Die dritte Wechseloption wird Zagallo nicht mehr nutzen. Guivarc´h kommt frei vor dem Tor von Taffarel zum Schuss. Aber dies ist nicht der Tag von Stéphane Guivarc´h.

90 Minuten sind vorbei. Halblinks vor dem Tor kommt Denilson an den Ball, ein Schuss mit links – Latte. An der Seitenlinie bläht der gesperrte Blanc die Backen auf.

Mit dem Gegenangriff macht Frankreich alles klar. Christophe Dugarry treibt den Ball durchs Mittelfeld, spielt zu Patrick Viera, der legt auf für Petit. Mit links trifft der Mann mit dem blonden Pferdeschwanz ins lange Eck. Kurz danach ist das Spiel vorbei. Frankreich ist Weltmeister 1998!

»Ich hatte heute einfach Lust, Tore zu schießen.«

Der Champs-Elysées ist eine einzige Partymeile. Mehrere hunderttausend Menschen haben dort das Spiel verfolgt. »Allez, les Bleus!« - Auf, Ihr Blauen!, der Schlachtruf dieser WM, hallt über die Pariser Prachtstraße. Im Taumel des Sieges kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Eine 44-Jährige rast mit ihrem Wagen in die Menschenmenge, 80 Menschen werden verletzt, elf von ihnen schwer.

Im Stade de France stemmt der große Held dieses Spiels, Zinedine Zidane, den goldenen WM-Pokal in die Höhe. Später wird der sonst so zurückhaltende Star mit einem denkwürdigen Satz zitiert: »Ich hatte heute einfach Lust, Tore zu schießen.« In den kommenden Monaten wird Zidane bei seinem Klub Juventus Turin als Eckballschütze abgelöst und bei Standardsituationen ins Getümmel geschickt. Doch ein Kopfballtor gelingt ihm für Juve nie wieder. Bald schon darf er wieder die Ecken schießen.

Ronaldo steht auf dem Rasen, sein Blick ist leer. Er hält sich den kahlen Schädel, als leide er unter schlimmen Kopfschmerzen. Ob er weiß, was in den kommenden Stunden, Wochen und Monaten auf ihn zukommen wird? All die Fragen, Vorwürfe und Gerüchte? Während Frankreich feiert, werden die ersten Details aus den wirren Stunden vor dem Finale öffentlich. Erste Spekulationen, Brasiliens Sponsor Nike habe Ronaldo und Zagallo dazu genötigt, die Vorzeige-Werbefigur im Finale spielen zu lassen, werden laut. Bis heute sind sie nicht vollständig widerlegt. Wo erste Gerüchte blühen, sind wilde Verschwörungstheorien nicht weit. Ronaldo habe nur deshalb so schlecht gespielt, weil brasilianische und französische Spitzenpolitiker das vorher ausgehandelt hätten! Ronaldo sei gedopt gewesen, sein Körper habe die Mittel nicht mehr vertragen! Ronaldos Essen sei vergiftet worden! Viele Jahre nach dem Finale wird sich ein angeblicher Wettpate aus dem asiatischen Raum zu Wort melden und behaupten, Ronaldo set für das Finale von der Wettmafia bestochen worden.

Zico gibt dem Mannschaftsarzt die Schuld

Ronaldo selbst gibt schon sehr bald nach dem Endspiel eine Erklärung ab. Kurz vor seinen Verkrampfungen, einem epileptischen Anfall nicht unähnlich, habe ihm sein Mannschaftsarzt eine Beruhigungsmittel verabreicht. Die aufgeführten Nebenwirkungen: Erschöpfung, Müdigkeit, Muskelerschlaffung. Hatte sein rapider Leistungseinbruch damit zu tun?



Brasiliens Fußball-Legende Zico, der von allen Beteiligten an diesem Endspieltag wohl klarste Sicht auf die Dinge hatte, zieht stillschweigend die Konsequenzen aus diesen aufwühlenden Stunden. Seine Ämter als Sportdirektor und Assistent von Zagallo, der kurz darauf als Nationaltrainer entlassen wird, legt er nieder. Bis heute hat er keine Stelle mehr für den Fußballverband seines Heimatlandes angenommen. 2007 bricht er sein Schweigen und berichtet von den Geschehnissen des 12. Juli 1998. In seinen Augen ist Dr. Toledo, der Mannschaftsarzt, für das verlorene Endspiel verantwortlich: »Noch am Vormittag hat er mir gesagt, dass Ronaldo nicht fit genug sei, um das Finale zu bestreiten. Und kurz vor dem Spiel gab er dann sein Okay. Das war unverantwortlich.«

Frankreichs »goldene Generation« wird zwei Jahre später sogar noch Europameister, mit dem Kopfstoß von Zidane bei der WM 2006 endet die erfolgreichste Epoche des französischen Fußballs. Ronaldo führt Brasilien vier Jahre später zum Titelgewinn bei der WM 2002 in Japan und Südkorea. Im Endspiel gegen Deutschland fällt er lediglich negativ durch seine Frisur auf, ansonsten ist er in bestechender Form und schießt beide Tore.

Der 12. Juli 1998 ist an diesem Tag ganz weit weg.