Wie fit ist Sami Khedira?

Der Motor

Sami Khedira hat das Image, ständig verletzt zu sein. Auf den zweiten Blick stimmt das nicht. Der Mittelfeldmotor hat sogar eine eigene Theorie dazu.

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Sami Khedira hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren sehr intensiv mit dem Thema Anatomie beschäftigt. Natürlich hat das auch etwas mit seiner persönlichen Krankenakte zu tun. Doch wenn man Khedira über seinen Körper reden hört, so detailliert und kenntnisreich, spricht daraus mehr als nur ein berufliches Interesse.

Seit nun sechs Jahren geht Khedira seinem Beruf als Profifußballer fast ausschließlich im Ausland nach, zuerst bei Real Madrid, inzwischen bei Juventus Turin. Die Betrachtung aus der Heimat ist da zwangsläufig eine flüchtige. Die breite Öffentlichkeit merkt nur auf, wenn etwas Außergewöhnliches passiert, wenn zum Beispiel mal wieder aus Italien vermeldet wird, dass Khedira sich erneut verletzt hat.

In Deutschland ist dadurch ein wenig der Eindruck entstanden, dass der 29-Jährige so gut wie gar nicht mehr auf dem Fußballplatz steht. In Wirklichkeit hat er in der vergangenen Saison doppelt so lange gespielt wie in den beiden Spielzeiten zuvor zusammengenommen.

»Er steht fast immer genau richtig«

Khedira kann schon deshalb nicht dauerverletzt gewesen sein, weil es unstrittig ist, dass er in seinem ersten Jahr in Italien maßgeblich zum Doublegewinn seines Klubs Juventus Turin beigetragen hat. »Er versteht es auf großartige Weise, das Spiel zu lesen und zu animieren«, hat sein Vereinstrainer Massimo Allegri über den Mittelfeldspieler aus Deutschland gesagt. »Er strahlt einfach Ruhe aus, macht sehr wenig Fehler, steht fast immer genau richtig.«

Offiziell, so berichtet Khedira, habe er in dieser Saison sechs Muskelverletzungen gehabt. In vier Fällen aber habe keine strukturelle Schädigung vorgelegen. »Man kann auf den Bildern nichts sehen«, sagt er. »Es waren neurogene Verletzungen, ein Verbindungsproblem zwischen Nerven und Muskeln.«

Man neigt dazu, bei Khedira den Ursprung aller körperlichen Probleme im November 2013 zu suchen, als dem Nationalspieler im Test gegen Italien das Kreuzband riss. In Rekordzeit kämpfte er sich zurück, sechs Monate später gewann er mit Real die Champions League, im Juli 2014 schließlich mit Deutschland den WM-Titel. Aber schon im Finale fehlte Khedira, weil die Wade zwickte.

Solche Verletzungen sind nicht ungewöhnlich, weil durch falsche Belastungen andere Körperteile in Mitleidenschaft gezogen werden können. Nach diesem Muster wird noch heute Khediras komplette jüngere Verletzungshistorie gedeutet. »Das sind keine Folgeverletzungen mehr«, sagt er. »Sie können schon davon ausgehen, dass ich mir viele Gedanken darüber mache, woher die Verletzungen kommen können.« Er konsultiert auch regelmäßig einen Spezialisten, der sich des Problems angenommen hat.

Bei einer neurogenen Verletzung wird der Muskel vom motorischen Nerv nicht richtig versorgt. So ähnlich war das auch bei der Nationalmannschaft während der WM 2014. Sie hatte im defensiven Mittelfeld ebenfalls kein strukturelles Problem, sondern gewissermaßen ein neurogenes. Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira hätten in der Zentrale vor der Abwehr der motorische Nerv des deutschen Spiels sein sollen.

Sie waren aber nicht in der Lage, die Mannschaft richtig zu versorgen – weil sie mit sich selbst und ihren geschundenen Körpern genügend Probleme hatten. Das ist diesmal, vor der am Wochenende beginnenden Europameisterschaft in Frankreich, anders. Zumindest bei Sami Khedira.