Wie Fan-Krawalle ganz Spanien erschüttern

Vereine ziehen erste Konsequenzen

Aus Angst vor weiteren Ausschreitungen fand die Partie am Sonntagmittag trotzdem statt. Atlético gewann 2:0, im Stadion herrschte eine Stimmung wie auf dem Friedhof. Nur zwischenzeitliche »Mörder, Mörder«-Rufe der Deportivo-Fans, gefolgt von hitzigen Pöbeleien durchbrachen die Stille. Vertreter beider Vereine äußerten sich nach den Vorfällen geschockt. Zwar bemühte Atléticos Geschäftsführer Miguel Ángel Gil Marín zunächst noch die Einzeltäterthese und sagte: »Ich maße mir nicht an, die Frente aufzulösen. Unter tausend Ultras gibt es immer einen Hurensohn.« Am Dienstagnachmittag ruderte der Sohn von Ex-Klubpatriarch Jesús Gil y Gil aber zurück und verkündete im Interview mit dem spanischen TV-Sender Deportes Cuatro: »Wir werden die Frente Atlético aus dem Estadio Caldéron verteiben!« Auch Deportivo La Coruna reagierte. Präsident Tino Fernández erklärte, man wolle bei den nächsten beiden Heimspielen jene Tribüne »symbolisch schließen«, die eigentlich für Ultras reserviert ist.


»Was passiert da mit unserem Fußball?«


Mit den Maßnahmen reagieren die Vereine auf die in Spanien seit dem Wochenende tobende Debatte. Egal, ob in Talkshows, Radio-Diskussionen oder den einschlägigen Sport-Tageszeitungen. Überall fragen sich die Menschen auf der iberischen Halbinsel: »Was passiert da mit unserem Fußball?« Vor allem die Uhrzeit der Auseinandersetzungen macht die Spanier betroffen: Ein früher Sonntagmorgen, an dem sich die normale Bevölkerung noch einmal im Bett umdreht und die freie Zeit genießt. Vier Stunden vor dem Anpfiff des Mittagskicks, den der spanische Ligaverband vor einiger Zeit aus Vermarktungsgründen eingeführt hatte. Allerdings ist der Katzenjammer nur bedingt nachvollziehbar.


Zehnfaches Polizeiaufkommen wäre angebracht gewesen


Die Partie zwischen Atlético und Deportivo war von den spanischen Behörden nicht als Sicherheitsspiel eingestuft worden, weshalb an besagtem Sonntag gerade einmal 150 bis 200 Polizisten Dienst schoben. Und weil das in Spanien bei harmlosen Spielen Usus ist, fanden sich die Ordnungshüter auch erst zwei Stunden vor Anpfiff rund um das Estadio Vicente Calderón ein.


In Wirklichkeit hätte die Partie allerdings ein Polizeiaufkommen in zehnfacher Ausführung verdient gehabt. Die rechtsextreme »Frente Atlético« und die linksradikale »Riazor Blues« gehören zu den (wenigen) extrem gewalttätigen spanischen Fangruppierungen. 1998 erstachen Mitglieder der »Bastión«, einer Untergruppe der »Frente«, vor dem Europapokalspiel gegen Real Sociedad den Basken Aitor Zabaleta. Fünf Jahre später töteten die »Riazor Blues« Manuel Ríos Suàrez, einen Fan des eigenen Klubs, der sich beim Spiel gegen SD Compostela schützend vor einen Jungen mit einem gegnerischen Schal gestellt hatte.