Wie es zur Albtraum-Saison des 1.FC Köln kam

»So kann man sich täuschen«

Schmadtke mimt gern den bollerigen Strippenzieher, für den zählbare Ergebnisse wichtiger sind, als eine sympathische Außenwahrnehmung. Doch so sehr er sich bemüht, die Ereignisse in Köln als abgeschlossenes Kapitel darzustellen – seine Enttäuschung kann er nicht verbergen. Schmadtke ist verletzt.

»Ich habe noch nie einen Verein und seine Mitarbeiter so nah an mich rangelassen«, sagt er. »Im Nachhinein weiß ich, warum das auch besser so war.« Im Sommer noch war er der festen Überzeugung, dass dem Trainer und ihm nach der erfolgreichen Zeit zumindest ein, zwei Jahre Kredit eingeräumt würden – selbst wenn die Erfolgskurve nicht weiter nach oben gehen würde. Nun stellt er ernüchtert fest: »So kann man sich täuschen.«

Aber was ist passiert? Jörg Schmadtke und Peter Stöger sind beide mit einer guten Portion Selbstironie ausgestattet, allerdings in unterschiedlicher regionaler Prägung. So haben die beiden gemeinsam oft gescherzt, dass ein Trainer im Profifußball nur eine »temporäre Erscheinung« sei. Beim London-Trip jedoch kippte der Schmäh des Wiener Melancholikers offenbar in Fatalismus. »In der Rückschau fällt schon auf«, so Schmadtke, »dass der Trainer in London nicht nur ein oder zwei Mal, sondern gleich sieben oder acht Mal fallenließ, dass er im Herbst eh längst entlassen sei.«

»Die Kommunikation haben wir etwas schleifen lassen« 

So stand die neue Saison von Beginn an unter keinem guten Stern. Dass der Manager in Transferperioden mitunter eine gewisse Muffeligkeit an den Tag legt, daran hatten sie sich am Geißbockheim über die Jahre gewöhnt. Doch die Hängepartie um den Transfer von Anthony Modeste stellte die Geduld aller – und insbesondere die des lösungsorientierten Schmadtke – auf eine harte Probe.

Der Franzose war dank seiner 25 Bundesliga-Treffer der Held. Doch ausgerechnet der größte Star seit Lukas Podolski fing nun clever sein Spielchen mit den Medien an. Zeitweise blickte keiner mehr durch, ob nun der Spieler weg wollte oder der Klub es nur auf eine fette Ablöse abgesehen hatte. Jörg Schmadtke ist für derlei Theater nicht der Typ. Er wusste, dass Modeste scharf war auf die zehn Millionen Euro netto in China – aber Muffensausen hatte, als Geldgeier aus Köln zu scheiden.

Der Manager forderte, dem Spieler keine Vorzüge mehr angedeihen zu lassen, bis der Fall abgeschlossen sei. Peter Stöger sah das anders, für ihn war Modeste solange eine feste Größe im Team, solange sein Abgang nicht in trockenen Tüchern war. Er herzte den Franzosen im Training, als wäre nichts gewesen.

Saisonziel? K.o.-Runde der Europa-League

In diesen Tagen zeigten sich erstmals deutlich die Mentalitätsunterschiede. Während Schmadtke wortkarg an den Transfers werkelte, stieg Stöger mit gewohnter Routine in die Vorbereitung ein. »Es mag sein, dass wir beide die Kommunikation untereinander in der komplizierten Transferperiode etwas haben schleifen lassen«, gibt Peter Stöger zu. Offenbar erwarteten beide etwas mehr Respekt und Mitteilungsbedürfnis vom anderen.

Nicht nur Modeste war kurz davor, in Köln auf ein Podest gehoben zu werden. Auch der Trainer war nach seinen innigen Bekenntnissen zur Stadt – selbst heute noch, da er längst in Dortmund arbeitet – und seinen volksnahen Auftritten im Begriff, heiliggesprochen zu werden.

Schmadtke raucht der Kopf

Stöger weiß sich zu präsentieren, er weiß, was ankommt und wann es besser ist, nichts zu sagen. Anfang August gab er lässig das Erreichen der K.o.-Runde der Europa League und einen einstelligen Tabellenplatz als Saisonziel aus.

Jörg Schmadtke rauchte angesichts des infolge des Neymar-Transfers freidrehenden Marktes derweil der Kopf. Stöger hingegen wollte von dem Wahnsinn am liebsten unbehelligt bleiben. Nun aber waren schnelle Entscheidungen in Dimensionen gefragt, die beide bislang nicht kannten. Und so bekam der eine wohl das Gefühl, dem anderen ständig nachlaufen zu müssen.

Kein abschließendes Gespräch über Transfers

»Eine Transferperiode ist enorm belastend. Ein ständiges Abwägen«, erklärt Jörg Schmadtke. »Sollen wir das viele Geld investieren oder nicht? In dieser Phase fehlte mir mitunter der Gegenpart. Ich hatte den Eindruck, ich ginge dem Coach mit diesen Dingen eher auf die Nerven.« Jannes Horn und den 17-Millionen-Einkauf Jhon Cordoba holte er noch in enger Abstimmung mit Stöger, den Spanier Jorge Meré verpflichtete er schon fast in Eigenregie – und ließ ihn vom Trainer abnicken.

Ein wirklich fundiertes abschließendes Gespräch der beiden über die Kaderplanung fand nicht statt.Zudem übersahen die Kölner Verantwortlichen in dieser Zeit einige gravierende Dinge. Einige Spieler kehrten nicht mit der gewohnten Fitness aus dem Urlaub zurück. Fast alle Toptransfers waren ausländische Spieler, die in der wichtigen Findungsphase noch nicht integriert waren.

Die verschworene Einheit der Vorsaison verwandelte sich in ein normales Profiteam, das sich nicht mehr ständig privat verabredete. Die Testspiele waren teils eklatant schwach. Doch Peter Stöger ist kein autoritärer Trainer, keiner der in Aktionismus verfällt. Er setzte weiter auf die Eigenverantwortung der Spieler.