Wie es in Russland weitergeht

Sie können auch anders

Während der WM hat sich Russland als alternative Version seiner selbst präsentiert. Schon in dieser Woche aber könnte es mit der ausgelassenen Stimmung vorbei sein.

imago

Nur das müde Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien hat er im Moskauer Luschniki-Stadion verfolgt, jener Arena, in der er selbst noch vor ein paar Monaten um die Gunst der Russen geworben hatte: als Kandidat fürs Präsidentenamt, flankiert von russischen Sportstars und ohne richtigen Widersacher. Für Wladimir Putin war die Wiederwahl ein Heimspiel. Doch der sportliche Erfolg der Sbornaja war weniger vorhersehbar, und das war wohl der Grund, warum Putin bei den Spielen des Teams fehlte. Ein Präsident, der die Niederlage seines Teams im Stadion mit ansehen muss, macht keine gute Figur.

Doch auch wenn der russische Präsident der große Abwesende der WM war, scheint seine Rechnung aufzugehen: Der Ballsport eint Russland. Vor allem nach dem Überraschungstriumph des Nationalteams gegen Spanien befand sich das Land eine Woche lang im Freudentaumel. Und selbst die Niederlage gegen Kroatien im Viertelfinale wurde auf den Straßen Moskaus wie ein Sieg gefeiert: Endlich hat die Sbornaja die Herzen der Russen erobert. Und das Land hat sein Team gefunden. Die Debatte, ob Russland eine Fußballnation ist oder nicht, ist seit vergangenem Samstag Geschichte. Die Nationalspieler haben gekämpft, sie haben gegeben, was sie konnten.

Aus dem Chor der Kritiker wurde ein Orchesterstück

Vor der Weltmeisterschaft galten die Männer der Sbornaja als überbezahlte, mittelmäßige Spieler. Nunmehr wird über die Errichtung von Denkmälern zu ihren Ehren debattiert. Der Moskauer Zoo benannte einen jungen Steppenadler nach Torhüter Igor Akinfejew. Der hatte im Achtelfinale im Elferschießen zwei Schüsse der Spanier gehalten. Der Zoo begründete die Benennung mit »blitzschnellen Reaktionen und einem scharfen Blick«. Internet-Memes sind im Umlauf, die Akinfejew als mehrarmige hinduistische Gottheit zeigen, an der garantiert kein Ball vorbeigeht. Das ganz auf Verteidigung konzentrierte Spiel der Russen wird frenetisch zur Siegesoffensive umgedeutet.

War vorher der Chor der Kritiker an der Sbornaja und deren Cheftrainer Stanislaw Tschertschessow erdrückend laut, wollen die Lobhudler nun nicht verstummen: Der Konzertpianist Denis Mazujew verglich das Spiel der Mannschaft mit dem sich allmählich steigernden Orchesterstück »Boléro« von Maurice Ravel.

Plötzlich sind sich sogar die politischen Gegner einig

In den Talkshows der vom Kreml kontrollierten Sender gibt es kein heißeres Thema als die Unterstützung der Nationalelf als patriotische Bürgerpflicht und die nicht enden wollende Russland-Begeisterung der ausländischen Besucher. Die sonst staubtrockene Staatszeitung »Rossijskaja Gaseta« sprach von einem Wunder. Und Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow kamen angesichts des öffentlichen Jubels nach dem Triumph gegen Spanien die Siegesfeiern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den Sinn. Was er in den Straßen Moskaus gesehen habe, »ähnelt vielleicht in mancherlei Hinsicht den Berichten vom 9. Mai 1945«, behauptete Putins Sprachrohr.

Dass das unerwartet gute Abschneiden ein Grund zum Feiern ist, darüber waren sich ausnahmsweise sogar politische Feinde - Vertreter der Kreml-Elite und der Opposition - einig. In einem Tweet erklärte das Nationalteam: »Freunde! Wir haben das für unser Land getan! Wir haben das für euch getan! Danke für die Unterstützung!«