Wie es der LGBT-Community während der WM geht

Die alternative Fanzone

Der Weltmeisterschaft sei dank, steht Russland für einen Monat weltweit im Fokus der Öffentlichkeit. Hat sich die Situation der LGBT-Community dadurch verbessert? Wie geht es den Schwulen und Lesben im Schatten der WM? Und was passiert, wenn der Zirkus weiterzieht?

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Moskau hat sich hübsch gemacht. Die Rasenflächen in den Parks sehen aus wie Teppiche, die aus Wimbledon hinübergerollt wurden. Die Gewölbe der Metrostation Komsomolskaja sind so blitzeblank, dass man sich vorkommt wie in einem Spiegelkabinett. Auf den Fanfesten liegen sich Nigerianer, Russen, Peruaner und Franzosen in den Armen.

Vor dem Eröffnungsspiel trat Robbie Williams im Luschniki-Stadion auf, und ein anderer Musiker jubelte: „Who's from Australia? Put your hands up! What about Asian people? Asian people get your hands in the air!“ Als danach Wladimir Putin zu den Fußballfans auf der Welt sprach, schwenkte ein Mann auf der Tribüne eine Regenbogenflagge. Alles so schön bunt hier, alles so schön friedlich, und man könnte fast annehmen, das sei echt.

Reicht jetzt auch 

Aber so einfach ist die Sache nicht, denn eine Fußball-WM ist immer auch eine große kurze Fiktion. Sie findet genaugenommen nicht mal in einem Land statt (das stellt höchstens die Kulisse und ein bisschen Kolorit), sondern in einem riesigen FIFA-Zirkuszelt, in dem Millionen von Menschen beseelt und glücksbesoffen mit witzigen Kopfbedeckungen durch die Manege hüpfen. Wenn der Zirkus nach gut vier Wochen seine Zelte wieder abbaut, bleibt meist wenig übrig von der schönen Welt. Regenbogenflaggen? Anti-Rassismus-Slogans? Freundliche Polizisten? Reicht jetzt auch.

In Russland ist die Ausgangsituation kompliziert gewesen, denn in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Gewalttaten gegen Minderheiten. Bei Fußballspielen hängen Banner mit SS-Symbolen und dunkelhäutige Spieler werden mit Affenrufen beleidigt. Punkkonzerte müssen im Verborgenen stattfinden, weil die Antifa sich vor Übergriffen fürchtet. Besonders heikel ist die Lage für Homosexuelle, auch weil die Mächtigen des Landes, von der Regierung in Moskau bis zum Lokalpolitiker, ein Klima geschaffen haben, in dem Hass gegen Homosexuelle in Ordnung scheint. Witali Milonow von der größten Partei „Einiges Russland“" nennt Homosexualität eine „satanische sexuelle Perversion“. 

Gewalttaten gegen Schwule haben sich verdoppelt

Der langjährige Gouverneur der Oblast Tambow sagte mal: „Toleranz? Zur Hölle damit! Schwuchteln sollte man in Stücke reißen und die Teile in alle Himmelsrichtungen verstreuen.“ 2013 unterstützten beide die Einführung des Gesetzes gegen „homosexuelle Propaganda“, nach dem man in Anwesenheit von Minderjährigen nicht mehr positiv über Homosexualität sprechen darf. Seither haben sich die Gewalttaten gegen Schwule verdoppelt. Von „staatlich subventionierter Homophobie“ sprechen die LGBT-Aktivisten.


Für sie ist ihre Arbeit nicht nur ein Kampf gegen Windmühlen, sondern auch extrem gefährlich. Homosexuelle landen im Gulag oder im Gefängnis. In Tschetschenien werden Männer laut der renommierten Zeitung „Novaja Gazeta“ in Gefängnisse verschleppt, die ein Augenzeuge mit einem Konzentrationslager verglich. 2017 sollen drei homosexuelle Männer bei einer Razzia gestorben sein. Es gibt Aktivisten, die aus Angst vor Gewalt ihr Heimatland verlassen und Asyl in Westeuropa suchen. Es gibt Aktivisten, die von einem auf den anderen Tag verstummt sind. Und es gibt die, die immer noch da sind und ihre Stimmen erheben.