Wie entscheidet man eine Relegation, Marcelo Diaz?

»Tomorrow, my friend!«

Vor einem Jahr rettete Marcelo Diaz den HSV mit einem Freistoß in der Relegation gegen den KSC vor der Katastrophe – hier blickt er zurück.

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An diesem Freistoß gegen den Karlsruher SC hing die Zukunft des HSV, aber ob Sie es glauben oder nicht, ich war ganz ruhig. Nicht nervös, nur fokussiert. Aus dem Spiel heraus konnte ich nicht sehen, ob es tatsächlich ein Freistoß war oder nicht. Aber als ich die Position des Freistoßes sah, war ich mir sofort sicher, dass ich ihn reinmache.

Rafael van der Vaart wollte auch schießen, aber ich sagte ihm »Tomorrow, my friend. Tomorrow.«

Rafael ist ein toller Schütze, aber ich wusste, ich würde treffen, also schnappte ich mir den Ball. Schon meine ganze Karriere trainiere ich Freistöße; noch heute nehme ich mir regelmäßig nach dem Training ein paar Bälle und haue sie aufs Tor. Manchmal mit Keeper, manchmal nur mit Plastikmauer.

Ich legte mir den Ball zurecht, der Schiedsrichter pfiff und ich schoss. Es gibt diese Situationen, in denen du im Moment, in dem der Ball den Fuß verlässt, schon weißt: Der geht rein! So war es auch gegen den KSC. Noch als der Ball in der Luft war, habe ich zu jubeln begonnen.

Ich werde diesen Sommer niemals vergessen

Ich war wie im Tunnel, wie im Rausch, erst vor der Fankurve bin ich wieder so richtig zu mir gekommen. In der Verlängerung schoss Nikolai Müller noch das 2:1, nach dem Abpfiff war die Erleichterung riesig. Ebenso wie die Party. Unser Busfahrer hatte eine Nachbildung der Stadionuhr dabei, ein Überbleibsel aus dem Jahr zuvor, als der HSV ja auch in der Relegation war.


Diaz beim Freistoß. (Bild: Imago)

Allen HSV-Fans sei gesagt: Die Uhr hat er zum letzten Mal gebraucht, die kann er jetzt einlagern. Wir feierten zunächst im Bus, dann in Hamburg weiter. Die Nacht ging sehr lange. Auch am nächsten Tag haben wir noch mit allen Mitarbeitern zusammen im Stadion gefeiert. Kurz darauf flog ich in die Heimat, um die Copa America zu spielen, die wir mit Chile gewannen. Ich werde diesen Sommer niemals vergessen.

Unglaublich, oder?

Nach meinem Treffer in der Relegation hat der Verein sogar T-Shirts mit einem Bild von mir und der Aufschrift »Tomorrow, my friend. Tomorrow« produzieren lassen. Ich habe mir fast 50 Exemplare von unserem Merchandising geben lassen, die habe ich an Freunde und an meine Familie in Chile verschenkt. Ein Shirt habe ich natürlich behalten, zur Erinnerung an dieses Spiel.

Vor allem nach dem Training, wenn die Fans noch bei uns am Platz stehen, wird mir noch immer relativ häufig für das Tor gedankt. Neulich habe ich einem Jungen neben einem Autogramm auch noch den Freistoß auf sein T-Shirt malen müssen. Unglaublich, oder? Dabei kann ich gar nicht gut malen. Ich denke aber, ich habe es ganz gut getroffen.