Wie eine VfB-Anhängerin den Abstieg erlebte

Und wenn der letzte Vorhang fällt

VfB-Anhängerin Ute Lochner ist seit acht Jahren bei jedem Auswärtsspiel in Wolfsburg dabei und hat in dieser Zeit ausschließlich Niederlagen erlebt. Trotzdem fuhr sie wieder hin.

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Ein Jahr ist es nun her, seit Daniel Ginczek 13 Minuten vor Ende der Saison das rettende 2:1 in Paderborn geschossen, den Gästeblock in einem Meer der Freudentränen versenkt und den VfB zum Klassenerhalt gebracht hatte. Ein Jahr ist es nun her, dass sich die meisten Brustringträger sagten, sie wollten und könnten so etwas nie wieder durchmachen. Eine Aufarbeitung musste her, wie es überhaupt so weit kommen konnte, Köpfe sollten rollen, und alles sollte einfach viel, viel besser gemacht werden. Ein Jahr ist es nun her, dass wir den Kopf aus der Schlinge ziehen konnten. Und nun ist der VfB abgestiegen.
 
Kaum jemand wird sagen können, dieser Abstieg sei sportlich nicht verdient gewesen. So viel Realität besitzen wir, die schwäbischen Häuslebauer, die leidenschaftlichen Fans, die wo immer sie der Weg auch hinführt, mit stolzgeschwelltem Brustring unsere Farben und Werte vertreten. Nüchtern betrachtet hat man eben einfach zu wenige Punkte geholt. Aber tut es deswegen weniger weh? Lange genug hatte man sich darum beworben, den Gang in die zweite Liga anzutreten, oft genug war man dem Teufel von der Schippe gesprungen, ein jedes Mal mit dem vermeintlich ehrlich gemeinten Versprechen, aus den Fehlern zu lernen. Man hatte aus gar nichts gelernt.
 
Ein Abstieg mit Ansage
 
Ist es nicht sogar der längste Abstiegskampf eines Vereins? Von zweieinhalb magischen Monaten im Winter abgesehen, waren wir nie wirklich ganz heraus aus dem Schlamassel. Da sollte man meinen, wir hatten nun genug Zeit, uns darauf vorzubereiten. Vielleicht nehmen es deswegen die meisten mit recht viel Fassung. Wer seine Fehler immer und immer wieder aufs Neue wiederholt, ohne auch nur ein paar clevere Schlüsse daraus zu ziehen, der wird auf kurz oder lang dafür bestraft.
 
Manche sagen, wir haben uns bereits seit 2011 auf halbem Weg ins Unterhaus befunden, andere sagen, es hätte bereits 2007 begonnen, mit all den Fehlentscheidungen, die den langen Weg zum Abstieg pflasterten. Oft wird gefragt, wer denn der Schuldige ist, dass es fortan statt gegen Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04 nun gegen Sandhausen, Heidenheim und Aue geht, doch würde es zu viele Worte brauchen, alles mühsam aufzuzählen.

Die Schuldfrage müssen sich viele anhören: der Vorstand, die Mannschaft, die Trainer. Ob das nur irgendjemanden interessiert, wird nicht ganz zu Unrecht in Frage gestellt.
 
Was wäre gewesen, wenn...?
 
Irgendwann musste es passieren, es hatte sich lange genug angedeutet. Aber entbehrt es nicht in gewisser Weise jeglicher Logik, dass es ausgerechnet der VfB war, der vor gut drei Monaten so weit entfernt schien von all der bitteren Grausamkeit des Abstiegskampfs? Wer weiß, wie schnell es hätte vorbei sein können, wenn man die Siegesserie zu Beginn der Rückrunde nicht gehabt hätte.

Es war die schönste Zeit seit Jahren, Hoffnung keimte an jeder Ecke, man hätte nach all der Zeit endlich begriffen und sei dabei, es besser zu machen, die ersten sprachen bereits von Europa.
 
Ich würde jetzt nicht hier sitzen und mit einem Kloß im Hals diese Zeilen schreiben, wenn Timo Werner im Heimspiel gegen Hannover das Tor gemacht hätte.

Ist es nicht seltsam, wie man sich manche Dinge gut vorstellen kann, wenn auch nur eine einzige Sache anders gelaufen wäre? Vielleicht würde ich mich entspannt zurücklehnen, mich auf eine entspannte Sommerpause freuen und es genießen, ein Saisonfinale ohne Angst und Schrecken verleben zu dürfen. Timo Werner machte das Tor nicht, die Niederlage gegen Hannover wurde zum rückwirkend betrachteten Genickbruch. Ein Gefühl, das ich schon direkt nach dem Spiel hatte, von allen anderen aber nur müde belächelt wurde.
 
Den Faden verloren
 
Hätte, wenn und wäre. Hätte der VfB mal gegen Hannover gewonnen. Hätte der VfB mal 100 Prozent gegeben. Hätte der VfB mal die Spannung hochgehalten. Hätte sich der VfB mal nicht zu früh gefreut. Es ist die klammheimliche Selbstzufriedenheit, die sich in Stuttgart einschleicht, sobald es ein paar Spiele gut läuft. Wo andere nicht nachlassen und weiter von Spiel zu Spiel schauen, hatte man hier ohne jede Not den Faden verloren.

Meine Angst wurde schon vor einigen Wochen größer, da konnte mich auch die Worte meiner Freunde und Weggefährten trösten, die letzten Punkte würden schon irgendwo hinten runterfallen. Als ob ich geahnt hätte, dass sie das nicht würden.