Wie ein Wolfsburg-Ultra von HSV-Fans veralbert wurde

Wenn der Postmann 1887 Mal klingelt

Im Frühjahr 2008 hackte ein Wolfsburger Fan die Homepage einer HSV-Ultragruppe. Die Retourkutsche war verheerend: Die HSV-Anhänger schickten dem Hacker eineinhalb Wochen lang säckeweise Post.

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Ultras sind eigentlich eine tolle Sache. Sie sind verantwortlich für tolle Choreos, sie haben in der jüngeren Vergangenheit wichtige Statements zur Flüchtlingsdebatte gemacht, und sowieso haben viele Ultra-Gruppen dazu beigetragen, dass viele Stadien heute bunter sind als in den düsteren achtziger und neunziger Jahren, als rechte Hooligangruppen das Kurvenbild bestimmten.

Es gibt allerdings immer noch etliche Dinge in Ultrahausen, die schwerer zu ertragen sind als ein Xavier-Naidoo-Song. Diese kitschgetränkte Sache mit dem Fahnenklau zum Beispiel. Erst neulich präsentierten ein paar Halbstarke im Dortmunder Block geklaute VfB-Utensilien. Wenn die Zaunfahne dabei abhanden kommt, wird es besonders schlimm. Dann folgt oft eine ach so ergreifende Gruppen-Auflösung. Der Stolz, die Ehre, die Würde, alles dahin. Wir ergehen uns im Pathos, wir müssen einen neuen Weg gehen, auch wenn dieser kein leichter ist. Herrje.

Wobei: Es geht auch hier anders. Gelegentlich können diese Ultra-Kriegsspielchen jedenfalls durchaus amüsant sein. Wie etwa im Frühjahr 2008. In einem Fanstreit zwischen Ultras des VfL Wolfsburg und des HSV.

Es begann in einem Wolfsburger Kinderzimmer, wo ein junger VfL-Ultra einen großartigen Plan schmiedete. Es war ganz anders als alles, für das man in Ultrahausen normalerweise gefeiert wurde. Es war größer als jeder Fahnenklau, jeder Schmähgesang, sogar als jeder noch so hoch gestreckte Mittelfinger. Das hier würde den VfL Wolfsburg auf die Deutschlands Ultra-Landkarte setzen. Das hier war ein Angriff der hohen Schule.

Weil der junge VfL-Anhänger gute Computerkenntnissen hatte, wollte er eine Internetseite der HSV-Ultragruppe »Chosen Few« hacken. Also schrieb der Internet-Partisan los. Ein paar Codes hier, ein paar Tags dort, und dann war er drin. Er löschte die Inhalte der Seite, hinterließ das Logo seiner eigenen Gruppe und den Spruch »Ihr nehmt es mit den Besten auf!« Bämm!

Danach loggte sich der VfL-Hacker im fanübergreifenden Ultra-Forum »ultras.ws« ein und verwies auf seinen Coup. Dass es sich um ein altes und inaktives Forum der »Chosen Few« handelte, war erst einmal egal.

Der Fan-Krieg 2.0 konnte beginnen

Anfangs wartete der VfL-Fan vergeblich auf den Gegenschlag aus Hamburg, auf so was wie den Fan-Krieg 2.0. Die HSV-Ultras verhielten sich zunächst ruhig. War die Gruppe so erschüttert darüber, dass ein Fan des ungeliebten Nordrivalen, den sie über all die Jahre als »Plastikverein« oder »Retortenklub« verhöhnt hatten, einfach so ihre Seite hacken konnte? Würde sie demnächst ihre Auflösung bekannt geben? Würde der VfL Wolfsburg Ultrahausen und die Bundesliga regieren?

Tatsächlich schmiedete die Hamburger Gruppe derweil ebenfalls einen Plan. Einen, der noch teuflischer sein sollte als der Hacker-Angriff.

Ein CFHH-Mitglied konnte recht schnell feststellen, dass der Wolfsburger im Überschwang vergessen hatte, seine Wegmarken zu löschen und sein Profil zu anonymisieren. Über die IP-Adresse fand er Name und Adresse des Hackers raus.
 
Statt mit einem Gegenangriff im Internet zu reagieren, setzten die Hamburger auf eine nahezu prämoderne Form der Kommunikation: die Post. 50 bis 60 Fans sondierten unzählige Gratis-Angebote im Internet und bestellten Muster, Kataloge oder Proben. Empfänger der Bestellungen war immer dieselbe Person: der junge Ultra aus Wolfsburg. »Er muss säckeweise Post bekommen haben«, erinnerte sich ein Ultra der »Chosen Few« später.