Wie ein Werder-Fan im Abstiegskampf leidet

Ihre kleine Viktor Skripnik ist da!

Ein Werder-Fan weiß nicht, wie er eine mögliche Relegation überstehen soll. Soll er seine Tochter Viktor Skripnik nennen oder sich bei einem HSV-Anhänger Hilfe holen?

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In England will der Leicester-Fan Ashley Marriott seine Tochter Vardy nennen. Die Frau allerdings hatte zunächst etwas dagegen. Nicht etwa, weil sie ihr Kind davor bewahren wollte, mit einem Fußballer in Verbindung gebracht zu werden, der in der achten Liga mit Fußfessel über den Platz lief. Nein, sie ist schlicht Tottenham-Fan. Verständlich.
 
Marriott gelang es trotzdem, seine Frau davon zu überzeugen, die Tochter nach Stürmer Jamie Vardy benennen zu dürfen, sollte er dafür 5000 Unterstützer-Unterschriften zusammen bekommen.
 
Wie viele Unterschriften es wohl in Deutschland braucht, um seine Tochter Viktor Skripnik zu nennen? Ich weiß es nicht. Und: Würde ich ein ähnliches Opfer bringen? Bringen müssen? Im Abstiegskampf ist ja bekanntlich jedes Mittel recht.

Zum Glück spielt Bernd Hobsch nicht mehr
 
Vielleicht ginge ja auch ein Kompromiss. Ich gehe die Namen der Spieler durch. Gebre Selassie. Mmh. Vestergaard. Auch schwierig. Sind sich doch nicht einmal die Kommentatoren einig, ob es nun -gaard oder- goooord heißen muss. Djilobodji hingegen hat Melodie. Bartels könnte Probleme machen. »Schatz, kannst du Bartels heute in die Ballettschule fahren.«

Ich muss es positiv sehen. Im Grunde kann ich froh sein, dass Bernd Hobsch nicht mehr spielt.
 
Und mal ehrlich: Dieser zurecht bis ins Mark euphorisierte Leicester-Typ hat’s ja auch vergleichsweise leicht. Würde Werder morgen Meister, meine Nachkommen hießen bis in die sechste Generation hinein Viktor. Aber im Werder-Fall es geht darum, aus etwas Schlimmen, nicht noch etwas viel Schlimmeres werden zu lassen. Und nicht wie bei Leicester der ungebremsten Euphorie mit ungebremster Schelmenhaftigkeit zu huldigen.

Als Werder-Anhänger war man es die letzten Jahre gewohnt, via Videotext die untere Tabellenhälfte einzufrieren, während im Hintergrund Wiederholungen von Hotel Paradies auf ZDF-Kultur liefen. Dennoch hatte ich nie auch nur ansatzweise das Gefühl, dass es tatsächlich in die Zweite Liga gehen könnte.

Das ist heute anders. Frühestens als der »beste 37-Jährige Fußballer der Welt« (was so viel heißt, wie: besser als die anderen fünf), Claudio Pizzaro, in der Hinrunde das Wort Champions League ausgesprochen hatte und man kurze Zeit später gegen Darmstadt und Ingolstadt verlor, war klar: Diese Saison hat andere Vorzeichen.

Eine Art Zeitlupenabstieg mit ungewissem Ausgang
 
Und nun das: Drei Spieltage vor Schluss steht Werder auf einem Relegationsplatz. Die Situation ist gruselig. Und die passende Emotion dazu noch nicht erfunden. Wie denn auch? Für jemanden, der den ersten Abstieg nur aus den Geschichtsbüchern kennt, gibt es keine Blaupause. Und ich fürchte, dass das Gefühl, das da heranwächst, noch nicht annähernd von seinen Möglichkeiten weiß.
 
Abstieg muss extrem sein. Aber Relegation? Eine Art Zeitlupenabstieg mit ungewissem Ausgang. Heißt, den Patienten künstlich am Leben halten, Infusion, Bypass, Hoffnung machen, 22 Spieler in ein Friss-oder-Stirb-Spiel schicken und viel Glück wünschen.

Wer schneidert denn solche Nervenkostüme? Ich stelle mir diese zwei unerträglich fiesen Relegationsspiele wie einen dreckigen, gegen die eigene Mannschaft gepfiffenen Elfmeter vor. Nicht hingucken. Luft anhalten. 180 Minuten plus X lang. Wie eine klotzige Vidalschwalbe im gravitationsfreien Raum. Welcher Blaubart hat sich diesen Relegationsmodus bitte ausgedacht? Das geht nun wirklich gegen die Menschenwürde. Wo ist Amnesty, wenn man es braucht? Gegen solche Gefühlspirouetten ist so ein Böhmermanngedicht reinste Ziegenfickerpoesie.