Wie ein Schalker Meister in Russland wurde

Erik, der Lokomotivführer

Lokomotive Moskau gewann dieses Jahr zum ersten Mal seit 2004 wieder die russische Meisterschaft. Auch dank eines Ex-Schalkers, den in Deutschland kaum jemand kennt: Erik Stoffelshaus.

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Vierzehn Jahre hatten sie auf diesen Moment gewartet, und als es am 5. Mai um 17:14 Uhr endlich soweit war, rannten sie völlig losgelöst auf den Rasen. Ersatzspieler, Betreuer, Pressesprecher. Ein Fan sprang über den Zaun, und im Himmel über dem Stadion explodierten Feuerwerkskörper. 1:0 in der 89. Minute gegen Zenit St. Petersburg im vorletzten Saisonspiel. War das der Titel? Aber natürlich! Eder, du Goldjunge, Loko, Loko, oh du wunderbarer FK Lokomotive Moskau. Sie schrien so laut, dass man sie vermutlich noch im 20 Kilometer entfernten Stadion von Spartak Moskau hören konnte.

Last-Minute-Dramen: elf Jahre Schalke

Nur ein Mann verweilte in diesem Moment. Nach Feiern war ihm nicht zumute. Im Gegenteil: Der Mann versuchte sogar, die Gemüter wieder zu beruhigen. Gemach, gemach, ein Spiel dauert keine 89 Minuten, sondern 90. Er hatte das ja alles schon mal durchgemacht. Last-Minute-Dramen, Zielgeradentragödien. Elf Jahre Schalke 04, erst im Nachwuchsbereich, später als Teammanager für die Bundesligamannaschaft, er hat die Vier-Minuten-Meisterschaft von 2001 miterlebt, den Beinahe-Titel von 2007. Football, bloody hell. Und trotzdem ist sein Name bis heute nur Experten ein Begriff: Erik Stoffelshaus, 47, geboren in Mülheim an der Ruhr.

Seit Ende 2016 arbeitet er als Sportdirektor bei Lokomotive Moskau. Er bekam ein großes Büro mit Fensterfront direkt hinter der Fantribüne. Läuft bei dir, würden seine alten Schalker Spieler sagen. Aber vor allem: Läuft auch bei Lokomotive, seit Stoffelshaus da ist. Wenige Monate nach seinem Dienstantritt wurde die Mannschaft Pokalsieger. In der abgelaufenen Saison dominierte sie die Premier Liga. Und dieses Mal nahm sogar alles ein gutes Ende. Lokomotive rettete das Tor von Eder über die Zeit. Es war für den Verein die erste Meisterschaft seit 2004.

Kein Karriereplan

Eine Sensation? Zumindest eine kleine Überraschung. Also, Herr Stoffelshaus, wie haben Sie das gemacht? Wie sind Sie Lokomotivführer und Weichensteller in Moskau geworden? Und vor allem: Wie gewinnt man als Schalker eine Meisterschaft?


Erik Stoffelshaus in einem Moskauer Café

Einen Tag vor dem WM-Eröffnungsspiel sitzt Stoffelshaus, blaues Hemd, grauer Strickpullover, sanfte Gesichtszüge, in einem Moskauer Café in der Nähe des Bolschoi Theaters. Er hätte gerne im Stadion empfangen, aber das ist von den WM-Schiedsrichtern besetzt. Selbst er benötigt momentan eine Akkreditierung, um in sein eigenes Büro zu gelangen.

Stoffelshaus ist ein unaufgeregter Typ, der es nicht eilig hat, was außergewöhnlich genug in der Branche ist. Bisschen Ruhrpott-Gelassenheit, bisschen  Sportlehrer-Lockerheit. Vielleicht liegt es daran, dass die Saison vorbei ist und es sich als Fußballmeister in Moskau ganz gut leben lässt. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Stoffelshaus sich selbst nicht stresst. Zukunftsängste? »Ich hatte nie einen Karriereplan.« Sorgen vor Brüchen im Lebenslauf? »Ich habe immer das gemacht, was mir Spaß macht.«