Wie ein Schalke-Fan an die Seitenlinie gelangte

»Die konnten ja keine halbe Stunde rumhampeln!«

Als sich Linienrichter Robert Schröder am Samstag auf Schalke verletzt, schlägt die große Stunde von Stefan Tendyck aus der Nordkurve. Nur wie gerät ein Hobby-Schiedsrichter vom Fanblock an die Seitenlinie?

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Stefan Tendyck, Sie sind am Samstag auf Schalke nach der Verletzung des Linienrichters als vierter Offizieller eingesprungen. Wieso ausgerechnet Sie?
Marcel Neuer, der Schiedsrichterbetreuer von Schalke 04 (und Bruder von Manuel; d. Red.), ist einer meiner besten Kumpels. Wir kennen uns seit der fünften Klasse und er kam auf die Idee. Es musste eine schnelle Lösung geben, die konnten ja keine halbe Stunde rumhampeln. Dann hat Marcel gesagt: »Ich glaube, der Stefan ist im Stadion, ich ruf den mal an.«

Und das ist dann tatsächlich passiert?
Ja! Ich stand in der Nordkurve, aber im äußeren Bereich weit oben. Ich hatte also keine Probleme schnell den Block zu verlassen. Wenn es meine Zeit erlaubt, bin ich regelmäßig auf Schalke, aber als aktiver Schiedsrichter steht man oft selber auf dem Platz. Eigene Einsätze gehen immer vor.

Haben Sie kurz gezögert?
Mir war direkt klar, dass ich das mache. Marcel hat mich schon einmal angerufen, als sich Manuel Gräfe bei einem Spiel gegen Bayern München verletzt hatte. Der konnte aber damals nach kurzer Behandlung weitermachen.

Trotzdem nervös gewesen?
Ich war schon mal dort unten. Das Abschiedsspiel von Marcelo Bordon habe ich selbst gepfiffen, bei anderen Gelegenheiten schon an der Linie gestanden. Die Atmosphäre mit dem vollen Stadion war mir also bekannt, allerdings waren das bisher immer Spaßveranstaltungen. So ein Bundesliga-Spiel ist was anderes, ich fühlte mich aber dennoch ruhig.

Wie lief der Kontakt mit Domenico Tedesco und Julian Nagelsmann?
Mit den Trainern selbst habe ich nicht ein Wort gewechselt. Disziplinierend einzugreifen ist zwar eins der Aufgabengebiete des vierten Offiziellen, war am Samstag aber nicht erforderlich. Und wenn gewechselt werden soll, regeln die Mannschaftsbetreuer der Vereine das.

Sie haben nun ein halbes Spiel als vierter Schiedsrichter gearbeitet. Bekommen Sie auch ein halbes Schiri-Gehalt auf Bundesliga-Niveau?
Da haben wir nicht drüber gesprochen und ich glaube auch nicht, dass das vorgesehen ist. Ich bin gerne eingesprungen, weil Schiedsrichterei meine große Leidenschaft ist. Aber ich habe hinterher ein Trikot vom Schalker Manager Christian Heidel geschenkt bekommen.

In der ersten Halbzeit hat Benjamin Brand, der Schiedsrichter der Partie, ein Tor zurückgenommen. Haben Sie ihm nach Abpfiff als Schalke-Fan die Meinung gegeigt?
Natürlich nicht. Wenn etwas vom Video-Assistenten kommt, gehe ich davon aus, dass das seine Berechtigung hat. Außerdem bin ich ab dem Moment, an dem ich einspringe, ein Teil des Teams.

Und am Sonntag haben Sie sich dann in Ruhe nochmal das Spiel angeschaut?
Nein, ich musste doch Landesliga pfeifen. Das Spiel stand schon länger fest und ich habe es wie geplant geleitet. Einige Spieler wussten sogar, wer ihnen gegenüber steht. Ich habe es selber nicht an die große Glocke gehangen, aber die sind auf mich zugekommen und haben mich gefragt, wie es denn war.

Glauben Sie, sich für höhere Aufgaben empfohlen zu haben?
So doof das klingt, aber mit 33 Jahren bin ich dafür schon zu alt. In meinem Alter sind andere schon in der Bundesliga. Das wird nichts mehr!